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Michael Morpurgos Jugendroman „Warten auf Anya“ Wer ist der Beweis, wenn nicht wir?

14.10.2009 ·  Menschlichkeit in aussichtsloser Lage: Michael Morpurgos großer Jugendroman aus dem Zweiten Weltkrieg erzählt von der Hoffnung im Grauen.

Von Elena Geus
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Anya hat kein Gesicht. Jedenfalls keins, das dem zwölf Jahre alten Jo Lalande gegenwärtig wäre. Er erinnert sich überhaupt nur an eine einzige flüchtige Begegnung im Sommer, bevor sein Vater in den Krieg zog und sie zum letzten Mal gemeinsam auf der Hütte Käse machten. Damals war das Mädchen fünf, vielleicht sechs Jahre alt. Im Gedächtnis geblieben sind ihm ihr Schweigen und ihr tiefernster Blick.

Anya bekommt auch keine Gestalt. Es ist nichts darüber zu erfahren, wie sie aussieht, wenn sie älter ist, und nichts davon, wie es ihr ergangen ist. Und doch ist das Mädchen Teil einer Geschichte: von „richtigen“ und „falschen“ Religionen, von Flucht und Vertreibung, von Verfolgung und Vernichtung. Diese Themen sind nicht neu im Jugendbuch, sie waren es schon nicht, als vor knapp zwanzig Jahren das englische Original erschien. Es hätte der hundertste vergebliche oder zumindest müde Versuch sein können, Kriegsschicksale lebendig werden zu lassen, doch Michael Morpurgo gelingt es auf kaum vergleichbare Weise, mit diesem Stück erzähltem Leben Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Selbst der Binsenweisheit, dass Glück und Leid oft nah beieinanderliegen, gewinnt er Tiefe ab.

Lange Zeit hat der Krieg etwas Unwirkliches

Schleichend drängt sich der Zweite Weltkrieg in das französische Bergdorf Lescun, wo die Menschen nur für ihre Kühe, Schafe und Schweine zu leben scheinen und Legenden sich allenfalls um die seltenen Begegnungen mit Bären ranken. Der Krieg hat, auch als die Männer und Väter schon lange fort sind und sich die Nachrichten über deren Gefangennahme, Verwundung oder Tod mehren, noch etwas Unwirkliches. Real wird er erst, als plötzlich die „boches“, die Deutschen, im Dorf Stellung beziehen, die Abgabe aller Waffen verordnen, in der Gegend patrouillieren und die Grenzen bewachen.

Jos Vorhaben wird damit immer schwieriger, fast unmöglich. Mit seiner Mission, die kleine Léah und ein Dutzend weiterer Flüchtlingskinder – polnische, französische und deutsche Juden – über die Pyrenäen nach Spanien in Sicherheit zu bringen (und Sicherheit heißt: sie vor der Deportation, also dem fast sicheren Tod zu bewahren), setzt er fort, was Alice Horcada und deren Schwiegersohn Benjamin begonnen haben. Vor Jahren war Benjamin von seiner Tochter im Kriegsgetümmel getrennt worden. Seitdem hieß es für ihn, die Oma und heißt es schließlich auch für Jo: „Warten auf Anya“. Benjamin wird nicht aufgeben, auf die Rückkehr seines kleinen Mädchens zu hoffen. Er wird das Warten nicht überleben.

Nicht einmal er taugt zum Helden

Kunstvoll hält Morpurgo die Balance zwischen Schrecken und Hoffnung, und wirklich meisterhaft gelingt es ihm, begreifbar zu machen, dass Menschlichkeit wie Unmenschlichkeit keine Sache von Nationalität und Religionszugehörigkeit sind, dass sich die Menschheit nicht einmal in Kriegszeiten in eindeutig gut und ausschließlich böse teilen lässt und dass es von Freundschaft zu Feindschaft oft nur ein kleiner Schritt ist. Zum Glück auch auf umgekehrtem Weg.

Wenn er Benjamin sagen lässt, egal ob der Plan, die Kinder über die Grenze zu schaffen, gelinge oder fehlschlage, allein der Versuch, an dem sich schließlich die gesamte Dorfgemeinschaft beteiligt, sei Beweis, dass „das Gute im Menschen niemals untergeht und Mitleid in den Herzen unbesiegbar ist“, dann ist das ein Pathos, das sich Morpurgo in diesem großen Roman über Verzweiflung und Tatkraft, über Freundschaft und Zusammenhalt ansonsten nicht gestattet.

Denn nicht einmal Jo taugt zum Helden. Der Junge, der mit dem Vieh und der Natur deutlich besser umzugehen weiß als mit seinen Gefühlen, ist kein wilder Abenteurer, nicht einmal ein Draufgänger – unauffällig zu bleiben und sich rauszuhalten ist eher seine Sache. Unbekümmert, wie er ist, begreift er spät, welches Risiko er eingegangen ist. Dann erst kommt die Angst. Das Elend, das den Menschen jüdischen Glaubens widerfährt, hat Jo gespürt, die Hintergründe bleiben ihm ein Rätsel.

Um der Unmenschlichkeit zu trotzen, bedarf es nicht unbedingt Mut und Tapferkeit, auch Sinn für Recht und Unrecht, Mitleid und Anteilnahme können treibende Kräfte sein, zeigt Morpurgo. Wie er durch den ständigen Wechsel zwischen Bedrückung und Erleichterung führt, ist großartig. Und selten war Warten so spannend.

Michael Morpurgo: „Warten auf Anya“. Roman. Carlsen Verlag, Hamburg 2009. 173 S., geb., 12,90 €. Ab 12 J.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1964, Chefin vom Dienst.

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