Home
http://www.faz.net/-gr5-6y8pn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Maryrose Woods „Geheimnis von Ashton Place“ Behutsam knurrt das Kindermädchen

Eine junge Erzieherin tritt im neunzehnten Jahrhundert ihre erste Stelle auf dem Land an. Langweilig? Nicht, wenn Maryrose Wood die Geschichte erzählt.

© Thienemann Verlag Vergrößern

Wenn eine fünfzehn Jahre alte Erzieherin, einen riesigen Koffer voller Bücher im Gepäck, mit dem Zug in Richtung eines abgelegenen Landsitzes reist, um ihre erste Stelle anzutreten, dann ahnt man die kommende Katastrophe. Man fragt sich höchstens, wie rasch und bei welchem Anlass die hochtrabenden Ideale der jungen Absolventin einer Schule für angehende Pädagoginnen mit der Wirklichkeit verwöhnter Gören zusammenrasseln werden, aber dass sie es tun, steht völlig außer Frage. Und wenn ein Roman wie „Das Geheimnis von Ashton Place“ dann auch noch mit einer solchen Eisenbahnfahrt anhebt, erwartet man nicht viel: eine - je nach Ausführung - matte oder geistreiche Satire auf weltfremde Erziehungskonzepte vielleicht, ein bemüht heiteres Zusammenraufbuch, in dem am Ende die Pädagogin ebenso viel von den Zöglingen gelernt haben wird wie umgekehrt. Lesen müsste man das nicht.

Tilman Spreckelsen Folgen:    

Dass Maryrose Wood, die Autorin dieses Romans, all die keineswegs hochgesteckten Erwartungen auf das schönste unterlaufen wird, ahnt man dann spätestens, als sich jene Erzieherin Penelope Lumley und ihre künftigen Zöglinge zum ersten Mal begegnen. Nicht etwa, weil die Aufgabe der Pädagogin noch härter ist als gedacht, sind doch die drei Kinder - zwei Jungen und ein Mädchen - offenbar ohne Kontakt mit anderen Menschen von Wölfen aufgezogen worden und haben deren Lebensweise angenommen. Sondern weil die Absolventin der privaten Swanburne Academy, die ihre Lyrik-Anthologie immer mit sich führt und einigen Wert auf geschliffene Umgangsformen legt, auf eine Weise reagiert, die man nicht unbedingt erwartet hätte: „Das Mädchen bleckte die Zähne. Der kleinere Junge leckte sich in tierähnlicher Manier die Lippen, während der ältere Junge sie nur anstarrte. Penelope, die in Swanburne dem Tierarzt Dr. Westminster in vielen lehrreichen Stunden assistiert hatte, war nicht im mindesten beunruhigt. Sie straffte die Schultern und starrte zurück. Seine Augen verengten sich. Penelope kniff ebenfalls die Augen zusammen. Sehr behutsam, um die Tiere nicht zu erschrecken, erzeugte sie tief in der Kehle ein leises Geräusch, halb Gurren, halb Knurren.“

Lose Erzählfäden sind hier Verheißung statt Makel

Kommunikation ist eine Frage der Augenhöhe, lernen wir, und Penelope versteht sich darauf, das jeweils passende Register zu ziehen, glaubwürdig und ohne sich dabei etwas zu vergeben. Sie bekommt es mit der nur wenig älteren, von allem überforderten Lady Ashton zu tun und mit deren anfangs undurchschaubarem Mann, der sich im Lauf des Romans als reziprokes Spiegelbild der drei Kinder entpuppt. Denn so wie die Autorin ihre Geschichte nicht zufällig im mittleren neunzehnten Jahrhundert angesiedelt hat, in einer Zeit also, in der die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier ganz neu diskutiert worden ist, so fragt auch der Roman fortwährend, wie viel Tier im Menschen steckt und umgekehrt, oder auch, auf welche Weise sich Naturhaftes in einem kulturellen Umfeld Bahn brechen kann - wenn etwa Lady Ashton sich bei ihrem eigenen Weihnachtsdinner vor allem, was in der Umgebung Rang und Namen hat, volllaufen lässt und sich entsprechend verhält. Umgekehrt vollbringt Penelope nicht nur an den Kindern ein pädagogisches Wunderwerk, indem sie darauf vertraut, dass das Vorlesen sentimentaler Pferdebüchern oder von Longfellow-Epen noch die wildesten Geschöpfe in den Bann schlägt.

Mehr zum Thema

Erzählt wird das so effizient wie spannend, überraschend, voller literarischer Anspielungen und nicht zuletzt sehr komisch. Am Ende bleibt ein Haufen loser Fäden liegen: Wo kommen die Kinder her? Warum entdeckt niemand Lord Ashtons eigentliche Identität? Was weiß der alte Diener? Welche Rolle spielt die auffällig oft zitierte Farbe Braun? Und warum sehen sich Penelope und ihre Schützlinge eigentlich so ähnlich? Aber das ist bei einer Autorin, die so ersichtlich weiß, was sie tut, eher Verheißung als Makel. Mehr davon.

Maryrose Wood: „Das Geheimnis von Ashton Place. Aller Anfang ist wild“. Aus dem Amerikanischen von Eva Plorin. Thienemann Verlag, Stuttgart 2012. 304 S., geb., 12,95 €. Ab 11 J.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Was Arbeitgeber attraktiv macht Von wegen Worklife-Balance

Deutsche Absolventen wollen vor allem einen Beruf, der sie erfüllt - heißt es häufig. Doch das stimmt so nicht. Eine neue Studie zeigt, worauf es es wirklich ankommt. Mehr Von Sven Astheimer

23.09.2014, 15:00 Uhr | Beruf-Chance
Ein Nashornbaby zum kuscheln zu süß

Passend zu Ostern stellte sich zum ersten Mal Nachwuchs bei der noch jungen Nashorn - Gruppe im Dortmunder Zoo ein. Das noch hornlose Tierchen soll einmal den Bestand der Art sichern und sich auch bald in die Herzen der Besucher schleichen. Mehr

24.04.2014, 15:26 Uhr | Gesellschaft
Neues Rollenbild Die Jägerinnen

Bei den Griechen war Artemis Schutzherrin eines Handwerks, bei dem man sofort an Männer denkt. Heute greifen immer mehr junge Frauen zur Waffe. Warum nur? Mehr Von Hubert Spiegel

27.09.2014, 14:08 Uhr | Feuilleton
Thailändische Leihmutter übernimmt behindertes Baby

Eine Thailänderin hat zwei Kinder für ein australisches Paar ausgetragen, doch eines ist behindert und das hatten die Australier ja nicht bestellt. Sie haben den Jungen mit Down-Syndrom bei der Leihmutter gelassen. Mehr

04.08.2014, 17:07 Uhr | Gesellschaft
Mein liebster Buchladen (5) Der Himmel von ’s-Hertogenbosch

Online bestellen geht schnell, aber beim Buchhändler spielt sich das wahre Literaturleben ab. Schriftsteller wissen das und stellen uns ihre Lieblingsbuchhandlung vor: Heute geht es in die Niederlande. Mehr Von Leon de Winter

25.09.2014, 16:46 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.03.2012, 13:10 Uhr