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Maryrose Woods „Geheimnis von Ashton Place“ : Behutsam knurrt das Kindermädchen

Bild: Thienemann Verlag

Eine junge Erzieherin tritt im neunzehnten Jahrhundert ihre erste Stelle auf dem Land an. Langweilig? Nicht, wenn Maryrose Wood die Geschichte erzählt.

          Wenn eine fünfzehn Jahre alte Erzieherin, einen riesigen Koffer voller Bücher im Gepäck, mit dem Zug in Richtung eines abgelegenen Landsitzes reist, um ihre erste Stelle anzutreten, dann ahnt man die kommende Katastrophe. Man fragt sich höchstens, wie rasch und bei welchem Anlass die hochtrabenden Ideale der jungen Absolventin einer Schule für angehende Pädagoginnen mit der Wirklichkeit verwöhnter Gören zusammenrasseln werden, aber dass sie es tun, steht völlig außer Frage. Und wenn ein Roman wie „Das Geheimnis von Ashton Place“ dann auch noch mit einer solchen Eisenbahnfahrt anhebt, erwartet man nicht viel: eine - je nach Ausführung - matte oder geistreiche Satire auf weltfremde Erziehungskonzepte vielleicht, ein bemüht heiteres Zusammenraufbuch, in dem am Ende die Pädagogin ebenso viel von den Zöglingen gelernt haben wird wie umgekehrt. Lesen müsste man das nicht.

          Dass Maryrose Wood, die Autorin dieses Romans, all die keineswegs hochgesteckten Erwartungen auf das schönste unterlaufen wird, ahnt man dann spätestens, als sich jene Erzieherin Penelope Lumley und ihre künftigen Zöglinge zum ersten Mal begegnen. Nicht etwa, weil die Aufgabe der Pädagogin noch härter ist als gedacht, sind doch die drei Kinder - zwei Jungen und ein Mädchen - offenbar ohne Kontakt mit anderen Menschen von Wölfen aufgezogen worden und haben deren Lebensweise angenommen. Sondern weil die Absolventin der privaten Swanburne Academy, die ihre Lyrik-Anthologie immer mit sich führt und einigen Wert auf geschliffene Umgangsformen legt, auf eine Weise reagiert, die man nicht unbedingt erwartet hätte: „Das Mädchen bleckte die Zähne. Der kleinere Junge leckte sich in tierähnlicher Manier die Lippen, während der ältere Junge sie nur anstarrte. Penelope, die in Swanburne dem Tierarzt Dr. Westminster in vielen lehrreichen Stunden assistiert hatte, war nicht im mindesten beunruhigt. Sie straffte die Schultern und starrte zurück. Seine Augen verengten sich. Penelope kniff ebenfalls die Augen zusammen. Sehr behutsam, um die Tiere nicht zu erschrecken, erzeugte sie tief in der Kehle ein leises Geräusch, halb Gurren, halb Knurren.“

          Lose Erzählfäden sind hier Verheißung statt Makel

          Kommunikation ist eine Frage der Augenhöhe, lernen wir, und Penelope versteht sich darauf, das jeweils passende Register zu ziehen, glaubwürdig und ohne sich dabei etwas zu vergeben. Sie bekommt es mit der nur wenig älteren, von allem überforderten Lady Ashton zu tun und mit deren anfangs undurchschaubarem Mann, der sich im Lauf des Romans als reziprokes Spiegelbild der drei Kinder entpuppt. Denn so wie die Autorin ihre Geschichte nicht zufällig im mittleren neunzehnten Jahrhundert angesiedelt hat, in einer Zeit also, in der die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier ganz neu diskutiert worden ist, so fragt auch der Roman fortwährend, wie viel Tier im Menschen steckt und umgekehrt, oder auch, auf welche Weise sich Naturhaftes in einem kulturellen Umfeld Bahn brechen kann - wenn etwa Lady Ashton sich bei ihrem eigenen Weihnachtsdinner vor allem, was in der Umgebung Rang und Namen hat, volllaufen lässt und sich entsprechend verhält. Umgekehrt vollbringt Penelope nicht nur an den Kindern ein pädagogisches Wunderwerk, indem sie darauf vertraut, dass das Vorlesen sentimentaler Pferdebüchern oder von Longfellow-Epen noch die wildesten Geschöpfe in den Bann schlägt.

          Erzählt wird das so effizient wie spannend, überraschend, voller literarischer Anspielungen und nicht zuletzt sehr komisch. Am Ende bleibt ein Haufen loser Fäden liegen: Wo kommen die Kinder her? Warum entdeckt niemand Lord Ashtons eigentliche Identität? Was weiß der alte Diener? Welche Rolle spielt die auffällig oft zitierte Farbe Braun? Und warum sehen sich Penelope und ihre Schützlinge eigentlich so ähnlich? Aber das ist bei einer Autorin, die so ersichtlich weiß, was sie tut, eher Verheißung als Makel. Mehr davon.

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