27.11.2010 · In Martín Blascos erstem Jugendroman fehlt der Vater an allen Enden. Der Junge Damián erzählt, wie seine Familie langsam zu neuer Normalität findet. Und wie das passiert, ist trotz des tragischen Anlasses heiter, komisch und mitunter wunderbar schräg.
Von Elena GeusMit 225 Dosen Sardinen und 405 Packungen Reis im Haus kann man sicher sein, nicht zu verhungern. Und doch können diese Mengen Ausdruck von Verlust und Entbehrung sein, die Not ist nur nicht immer materieller Natur. Damián, sein kleiner Bruder Diego und ihre Mutter kompensieren den Tod des Vaters und Ehemanns jeweils auf eigene Weise, Diegos Trauer führt zu kaum kontrollierbaren Aggressionen, die Mutter reagiert mit Apathie und hat Wahnvorstellungen, und Damián, der von den „eigenartigen Verhaltensweisen“ seiner Familie und später von den „(nicht ganz so) eigenartigen“ erzählt, hamstert Nahrungsmittel, als gelte es, damit das Überleben zu sichern.
Martín Blasco macht Damián zum Chronisten familiärer Irrungen, die dieser klug und mit fast spielerischer Leichtigkeit seziert, und dem doch, wie könnte es anders sein, jede Distanz fehlt. Die Handlung des ersten Jugendromans des Argentiniers rauscht in kurzen, schnellen filmischen Sequenzen nur so dahin, in einer technischen Perfektion, die den versierten Drehbuchautor und Regisseur erkennen lässt. Diese Eile ist aber auch von tiefer Symbolik: Der Junge ist rastlos und ohne Halt.
Viel weniger seltsam, als es klingt
Mit dem Vater ist Damiáns Verbindung zur Musik verschwunden. Sie, die ihn einst begeisterte und anrührte, sagt ihm nichts mehr, mit dem Herzen habe auch das Gehör aufgehört zu funktionieren, lautet die Selbstanalyse. Seine umfangreiche CD-Sammlung verscherbelt er, als solle wenigstens das Geld strömen, wenn schon die Tränen nicht fließen wollen. Weil die Mutter in ihrem „ziemlich fragwürdigen“ Geisteszustand als Versorgerin ausfällt, verdingt sich ihr Sohn als Volksbelustiger, verkleidet als rosaroter Panther, als könne es ihm gelingen, mit dem Überstreifen des Kostüms seinen Schmerz abzustreifen.
Es braucht Zeit, bis Diego seine Wut beim Kung-Fu kanalisiert, die Mutter wieder ohne Wahn am Leben teilnimmt und zu Damián das Gefühl für die Musik zurückkehrt. Langsam finden alle zu neuer Normalität, und wie das passiert, ist, zumindest in dieser Familie, trotz des tragischen Anlasses heiter, komisch und mitunter wunderbar schräg. Ob das Leben eine Abfolge einzelner Punkte ist? Ob die Punkte eine Linie bilden? Wer weiß das schon. Einige der großen Fragen verlieren an Bedeutung. Ob alles, was in seiner Familie in letzter Zeit geschehen ist, einen Sinn ergibt, diese Frage wird Damián sicher leichten Herzens mit Ja beantworten. Denn der rosarote Panther hat sich in SpongeBob verliebt. Und das ist viel weniger seltsam, als es klingt.