07.09.2010 · Was verbirgt sich hinter dem Märchen von „Dornröschen“? Um das herauszufinden, hat Markus Lefrançois den Text der Brüder Grimm mit Bildern versehen, neben denen die Geschichte zu einer Stimme aus dem Off wird.
Von Susanne KlingensteinWer heute zum hundertsten Mal das Grimmsche „Dornröschen“ illustrieren will, muss sehr gut oder seiner Sache sehr sicher sein. Der gerade dreißigjährige Illustrator Markus Lefrançois, ist beides: sehr sicher und sehr gut. Wie einst die Brüder Grimm lebt Lefrançois in Kassel, wo er mit Freunden und Kollegen 2007 den Verlag rotopol press gründete und gleich noch den dazugehörigen Laden für Illustration aufmachte. An der Kunsthochschule Kassel konzentriert sich Lefrançois auf die Fächer Illustration/Comic und Grafik-Design. Doch hat sein „Dornröschen“ nichts vom Comic an sich. Es steht, möchte man sagen, als „instant classic“ in der großen Tradition der Märchenbuch-Illustrationen von Arthur Rackham bis Lisbeth Zwerger.
Allerdings muss man diese Einschätzung insofern präzisieren, als Rackham wie Zwerger ihre Bilder als Illustrationen von Texten verstehen, während bei Lefrançois die Bilder den Text dominieren. Sein „Dornröschen“ ist ein wirkliches Bilderbuch, in dem jede Seite als eigenständiges Bild konzipiert ist und ihre Serie die Geschichte erzählt. Der Text ist nahezu unauffällig in Leerflächen der Bilder integriert und suggeriert somit eine Stimme aus dem Off.
Es ist also klar, dass vorgelesen werden muss. Während eine Stimme den Text aktiviert, dürfen sich die Zuhörer in die immens lebendigen, vielschichtigen, doch immer sehr klar strukturierten Bilder versenken. Dankenswerterweise wählte Lefrançois den nur orthographisch leicht modernisierten Text der Grimmschen Ausgabe letzter Hand, so dass beim Vorlesen eine leichte Spannung entsteht zwischen der altertümlichen, knappen, fast herben Sprache der Grimms und der nahezu schmeichelhaft weichen, großzügigen Linienführung der Bilder. Fast möchte man die Bilder im Vergleich zum Text süß und geschwätzig nennen, doch dann entdeckt man, dass Lefrançois das gefährliche Tiefenpotential des Grimmschen Textes geschickt ausnutzt.
Verschlüsselt
Dessen Explosivität steckt in seiner intensiven sexuellen Symbolik, die von Kindern vielleicht gefühlt, aber wohl selten bewusst entdeckt wird. Lefrançois integriert diese Symbolik souverän - und Naivität prätendierend. Das geht auf dem Bucheinband los, wo eine voll erblühte fleischrosa Rose uns ihr Gesicht zum Kuss entgegenhält. Im männlichen Gegenpart am unteren Buchrand bohren blanke Schwerter sich zwischen Rosendornen in die Erde.
Sehr schön ist übrigens, dass eines der Schwerter deutlich ein Kruzifix alludiert, womit auf jene christliche Bedeutungsschicht verwiesen wird (Jungfrau, Dornwald, Maria mit Spindel, Erlösermotiv), die sich auch im Grimmschen Original nur Kennern der christlichen Kunst erschloss. Lefrançois beutet dieses Element allerdings nicht weiter aus, sondern beschränkt sich darauf, die erotischen Komponenten nett zu verschlüsseln. Das ist ihm besonders auf der ersten Seite gelungen. Dort geht es um Verkündigung der Empfängnis Dornröschens. In der Rolle des Erzengels Gabriel und der Lilie sehen wir hier den König mit seinem Frosch. Dass die Gesichtszüge der Königin an Zeichnungen Tomi Ungerers erinnern, dürfte kein Zufall sein, denn von Ungerer wie auch von Maurice Sendak gibt es sowohl berühmte Kinderbuchillustrationen als auch ein erotisches Werk.
Lefrançois wählte ein vage mittelalterliches Setting für sein Dornröschen. Das hat literarische wie politische Gründe. Bekanntlich suchten die Brüder Grimm die deutsche Identität aus dem Mittelalter herzuleiten. So ist Lefrançois' erlösender Held denn auch ein (unbewaffneter!) blonder Knabe, der nur durch Berührung mit dem Zeigefinger die Rosen zum Blühen erweckt. Die vor ihm im Dornwald verendeten schwerbewaffneten Aggressoren dagegen tragen asiatische und orientalische Gesichtszüge. Das hätte ins Weltbild der Romantik gepasst; heute ist das eine etwas problematische Wahl.