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Literatur Der neue Tolkien ist da

17.04.2007 ·  Von heute an ist ein neues Buch im Handel, dessen Autor J. R. R. Tolkien heißt. Aus den nachgelassenen Manuskripten seines Vaters hat Christopher Tolkien den Roman „Die Kinder Húrins“ geschaffen. Doch eine Sensation ist das Werk beim besten Willen nicht.

Von Tilman Spreckelsen
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„Hador Goldscheitel war ein Fürst der Edain, und die Eldar liebten ihn sehr.“ So hebt das Buch an, und wer sich beim Lesen nicht eifrig Notizen macht, die einschlägigen Handbücher konsultiert oder die beigegebenen Stammbäume ständig vor Augen hat, ist bald verloren. Die Edain? Die Eldar? Immerhin ist dem Buch eine Karte beigegeben, eingeklebt im hinteren Einbanddeckel, und so lässt sich wenigstens ungefähr verfolgen, wohin sein trauriges Schicksal den Helden weht, was es mit dem Grenzgebiet von Hithlum, Mithrim und Anfauglith auf sich hat und wo sich die Furt von Brithiach befindet.

Dass sich allerdings jede Menge Leser dieser Mühe unterziehen werden, liegt auf der Hand. Immerhin ist das Werk, das von heute an in die Buchhandlungen drängt, mit dem Stempel „Tolkien“ versehen, und das im doppelten Sinn: Aus den nachgelassenen Manuskripten seines Vaters schuf Christopher Tolkien, wie der Verlag Klett-Cotta stolz meldet, „erstmals“ einen „eigenständigen und geschlossenen Lesetext“ des Werks, und das „genau so, wie es J. R. R. Tolkien vor Augen stand“.

Hintergrund und Vorgeschichten

Das freilich ist eine äußerst kühne Behauptung. Immerhin geht es um „Die Kinder Húrins“, einen Stoff, den John Ronald Reuel Tolkien tatsächlich schon früh entwickelte, als vom „Herrn der Ringe“ noch keine Rede war, und den er in einer Vielzahl von unterschiedlichen Fassungen als eines der vielen Seitenstücke zu seinem Opus magnum entwickelte. Von Húrins Sohn Túrin erzählt bereits eine von Tolkiens „Verschollenen Geschichten“ aus der Zeit um 1920; es folgt ein zweitausend Zeilen starkes Langgedicht im „Beowulf“-Versmaß zum selben Thema, Húrin und seine Familie kehren in den Vorstufen zum späteren „Silmarillion“ wieder sowie in einer offenbar stattlichen Anzahl von Fragmenten. Sie beschäftigen Christopher Tolkien seit gut drei Jahrzehnten, will er doch daraus jene Bücher edieren, die sein 1973 gestorbener Vater nicht mehr fertigstellen konnte: Sie beleuchten den Hintergrund, vor dem sich der Ringkrieg abspielt, sie liefern die Vorgeschichten und die genealogischen Tafeln. Auf das, was in ihnen verhandelt wird, spielen die älteren Protagonisten im „Herrn der Ringe“ fortwährend an, und tatsächlich ist manches in diesem Großroman ohne diese Fragmente gar nicht verständlich.

Wer all das verfolgt hat, wer sich also durch das eher im Chronikstil gehaltene „Silmarillion“ gekämpft und die flüssiger erzählten „Nachrichten aus Mittelerde“ gelesen hat, wird jetzt in den „Kindern Húrins“ inhaltlich kaum noch Neues entdecken: Die Geschichte vom Kampf der Menschen und Elben gegen den dunklen Herrscher Morgoth, der in seiner Festung vor sich hin brütet und in großen Schlachten seine Orks verheizt, stammt nicht nur offensichtlich vom Autor des „Herrn der Ringe“, sondern war im Wesentlichen so auch schon in den Nachlassbänden zu lesen - vor einigen Jahren ist sogar schon einmal eine Einzelausgabe zu diesem Stoffkreis erschienen.

Ein bisschen klüger geworden

Neu ist daran lediglich, dass Christopher Tolkien das Material, aus dem er zuvor schon geschöpft hat, in anderer Weise zusammenstellt, dass er frühere Streichungen aufhebt und dafür andere Passagen tilgt, dass er den einen oder anderen Widerspruch auflöst und dabei für sich in Anspruch nimmt, er sei in all den Jahren der Beschäftigung mit dem väterlichen Nachlass eben auch ein bisschen klüger geworden - vielleicht, so räumt er im Nachwort ein, habe er sich seinerzeit etwa beim „Silmarillion“ zu viel herausgeberische Freiheiten genommen. Umgekehrt beruft er sich auch jeweils auf den mutmaßlichen Willen seines Vaters, wenn er aus den verschiedenen Fragmenten entweder eine sachlich gehaltene und verknappte Version für das „Silmarillion“ destilliert oder eben jetzt eine ausführliche Fassung für die vorliegende Ausgabe erstellt. Auch dies habe sein Vater vorgehabt, schreibt Christopher Tolkien, man glaubt es ihm auch, aber solange man die zugrundeliegenden Fragmente nicht mit dem jetzt präsentierten Text vergleichen kann, so lange kann man nur darauf vertrauen, dass der Sohn diesmal die philologisch richtigen Entscheidungen getroffen hat. Oder dass er wenigstens irgendwann einmal seine Kriterien dafür offenlegen wird.

Lesenswert ist der Band natürlich dennoch, auch wenn man auf die beigegebenen, überaus einfältigen Farbtafeln gern verzichtet hätte. Denn Tolkien zeigt sich hier nicht nur erneut als Mythenschöpfer, sondern auch als souveräner Neugestalter alteuropäischer Sagen vom Drachenkampf bis zum Wälsungenblut, er lässt seinen Helden im Spannungsfeld zwischen unerbittlichem Schicksal und dem Wunsch nach Selbstbestimmung auf grandiose Weise scheitern, und ganz sicher wird die Geschichte des unglücklichen Túrin, der hartnäckig gut sein will und immerzu Unglück über diejenigen bringt, denen er am dringendsten helfen möchte, in ihrer großartigen Bildersprache den einen oder anderen Regisseur reizen. Sechstausendfünfhundert Jahre vor der Handlung des „Herrn der Ringe“ angesiedelt, gibt es hier sogar eine Begegnung mit dem blutjungen Sauron, und die Hobbits vermisst man nicht allzusehr.

Aber eine Sensation - nein, das ist das Erscheinen der „Kinder Húrins“ beim besten Willen nicht. Nicht für die Edain, wie manche Menschen in Mittelerde bei den Elben heißen, und auch auch nicht für ihre elbischen Nachbarn, die Eldar. Und vielleicht nicht einmal für allzu viele Tolkien-Leser.

J. R. R. Tolkien: „Die Kinder Húrins“. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Aus dem Englischen übersetzt von Hans J. Schütz und Helmut W. Pesch. Mit Illustrationen von Alan Lee. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2007. 334 S., geb., 19,90 Euro

Quelle: F.A.Z., 17.04.2007, Nr. 89 / Seite 34
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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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