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Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ Weinreinbringer inklusive

Drei Dutzend Übersetzungen ins Deutsche hat Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ erfahren. Jetzt frischt eine Neuausgabe die erste, vom Autor hochgelobte, Fassung behutsam auf.

Kaum ein anderes Jugendbuch (oder ist es ein Kinderbuch? ein Erwachsenenbuch?) dürfte so häufig ins Deutsche übersetzt worden sein wie „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Seit 1869 hat Gerd Haffmans, der Herausgeber der jüngsten Eindeutschung, sechsunddreißig Versuche gezählt. Und mehr als Versuche können es beim Sprachwitz des Originals, das mit Wortspielen und Verweisen auf im England des neunzehnten Jahrhunderts allgemein bekannte Dichtung arbeitet, auch gar nicht sein. Alles andere wäre eine historisch-kritische Ausgabe auf Deutsch, und wer wollte die schon lesen, geschweige denn vorlesen?

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Warum nun aber noch die siebenunddreißigste Version? Weil sie eine Bearbeitung der ersten ist, die Antonie Zimmermann angefertigt hat und dafür vom Autor Carroll, der des Deutschen durchaus mächtig war, viel Lob erhielt. Und warum bearbeitet? Weil das Deutsch des Jahres 1869 ebenso fremdartig klingt wie das Englisch des Jahres 1865, als „Alice’s Adventures in Wonderland“ erschien. Nur haben englische Kinder Carrolls Text im Original seitdem immer wieder gelesen oder vorgelesen bekommen, und man wundert sich deshalb über seine Wortwahl so wenig wie wir im Deutschen über die des „Struwwelpeter“. Aber eine allgemein akzeptierte und vor allem benutzte Übersetzung der „Alice“ gibt es hierzulande nicht. Sondern eben sechsunddreißig. Schon die gängige deutsche Benennung des Buchs als „Alice im Wunderland“ ist ja keine exakte Übersetzung, obwohl sich die erste noch genau darum bemüht hat und sich „Alice’s Abenteuer im Wunderland“ nannte.

Eine noch größere Herausforderung

So heißt sie denn nun auch in modernisierter Form. Die hat neben einer exakteren Entsprechung zum Original (“Törtchen“ statt „Kuchen“, wo im Englischen tart steht, oder die gelungene Übersetzung der Kapitelüberschrift a Long Tale als „ein Rattenschwanz von Geschichten“, der dann auch typographisch als ein solcher ins Buch wandert, nämlich in geschlungenem schmalem Zeilenfall über eine ganze Seite) auch größere Freiheiten zu bieten. Nur ein Beispiel: Im sechsten Kapitel rezitiert Alice „You are old, Father William“, die Parodie eines Gedichts von Robert Southey, das damals jedes englische Kind kannte. Deutsche Kinder kannten es schon damals nicht. Also bieten die Übersetzungen Parodien bekannter deutscher Texte. Wie hier das Volkslied „Die Vogelhochzeit“. Und da macht sich Gerd Haffmans als Bearbeiter der alten Fassung den Spaß, eine Hommage an seinen Lieblingsdichter Robert Gernhardt unterzubringen: „Der Sperber bringt den Wein herein, das wird der Weinreinbringer sein.“ Wer’s nicht kennt, den wird’s nicht stören.

Die, wie man sieht, recht ausgiebig revidierte und renovierte Textfassung liest sich gut. Und dazu kommen ganz neue Illustrationen, die Jonathan Wolstenholme angefertigt hat. Gegen die Originalbilder von John Tenniel anzutreten ist eine noch größere Herausforderung, als drei Dutzend deutsche Übersetzungen überbieten zu wollen. Denn Tenniels Illustrationen stehen vor aller Augen, wenn wir an „Alice im Wunderland“ denken. Doch Wolstenholme macht seine Sache gut, weil er klassisch elegant zeichnet und eine Vielzahl schöner Details bietet - zum Beispiel Schuhe, die wie aus Leder geformte Pfoten oder Krallen wirken. Seine Bilder bedienen sich der Physiognomien der Kuriositätenkabinette früherer Zeiten und bewahren so das Unheimliche und damit die Essenz dieses Buches.

Lewis Carroll: „Alices Abenteuer im Wunderland“. Mit Bildern von Jonathan Wolstenholme. Aus dem Englischen von Antonie Zimmermann, erneuert von Gerd Haffmans. Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, Leipzig 2012. 176 S., 34 Abb., geb., 19,95 €. Ab 8 J.

Quelle: F.A.Z.

 
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