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Veröffentlicht: 13.06.2017, 16:17 Uhr

Kinderbuch „Der Kaugummigraf“ Heißer Text mit Zitrone

Kirsten Reinhardt erweckt in „Der Kaugummigraf“ das reiche Gedächtnis eines unangepassten alten Mannes zu buntem Leben. Und zeigt, dass der deutsche Sprachgeist nicht von Natur aus kartoffelplump ist.

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© Carlsen Verlag Kirsten Reinhardt: „Der Kaugummigraf“. Mit Bildern von Marie Geißler. Carlsen Verlag, Hamburg 2017. 224 S., geb., 12,99 €. Ab 10 J.

Der Held hat mehr als achtzig Lebensjahre hinter sich, wohnt mit einem mehr oder weniger türkischen, mehr oder weniger skeptischen Hund auf einem ansonsten verlassenen Bahnhof und spinnt ein bisschen: Sein Tag folgt einem penibel ausgepuzzelten Katalog von Regeln, seine Hemmungen stützen seine Ängste ab, damit sie nicht über ihm zusammenkrachen. Graf Eberhart von Eberharthausen hat für alles einen Zeitpunkt (sogar das „Sinnieren“ ist auf eine Nische verwiesen).

Dietmar Dath Folgen:

Die jungen Menschen, die das Buch „Der Kaugummigraf“, in dem jener Mann sein Wesen treibt, nicht wieder hergeben werden, wenn man’s ihnen schenkt, könnten ihm anfangs misstrauen, denn Regeln sind der Jugend verdächtig – bis sie merkt, dass Regeln außer Zwängen auch etwas sind, das man zum Spielen braucht. Der Graf selbst erkennt das erst, als eine Mitspielerin vor seiner Tür steht, das Kind Eli. Dieses Mädchen rüttelt an seinen Spielregeln, bis neue, bessere herausfallen. Die Spielzüge in der Partie, die folgt, sind mono- und dialogische, erzählende wie beschreibende Sätze, mal akute Feststellungen, mal wacklige Erinnerungen, alle in knusprigem und gut gesalzenem Deutsch.

Lauter launische, verlotterte und kokette Wörter

Die Verfasserin Kirsten Reinhardt hat sich den Ruf, dass ihr die Sprache, mit der sie zaubert, ansteckenden Spaß macht, mit „Fennymores Reise oder Wie man Dackel im Salzmantel macht“ (2011) erworben und mit „Die haarige Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen“ (2013) den Einsatz erhöht. Sie weiß, was viele nicht wissen: Entgegen einem ebenso zählebigen wie illiteraten Vorurteil ist der deutsche Sprachgeist nicht von Natur aus kartoffelplump, sondern kann bei Bedarf so launisch, verlottert und kokett sein, dass selbst sein alter Benimmlehrer Martin Luther ihn nicht wiedererkennen würde.

Lang lebe daher das Lektorat bei Carlsen, das die Größe, Umsicht und praktische Vernunft besitzt, Kirsten Reinhardt zu gestatten, lauter launische, verlotterte und kokette Wörter zu zünden, von´ „todesknallgefährlich“ über „Mäusekacke“ bis „Süßigkeitenkotze“, aber auch ausgesucht fremd-vertraute wie „minimieren“ oder „Kanaille“ und popmusikalische Fachausdrücke Marke „Punkband“ oder „Instrumententräger“.

Der klügste Spielzug der Verfasserin

Aus scheinbaren logischen Gegensätzen oder einander vorgeblich fremden Beschreibungsanlässen gewinnt sie Kunst: „Eli schimpfte erleichtert“ oder „die Nacht war jetzt so dunkel wie Holunderpudding“ – manchmal riecht diese Sprache nach Regen, manchmal nach Zitrone; ihr breiter Farbenfächer ist aber kein Selbstzweck, sondern dient durchweg der poetisch-realistischen Erhellung immergrüner Nichtmärchenthemen wie Kindesmisshandlung, Erbschleicherei, Mundgeruch, Räumungsbefehl, Haustiertod oder Bürgerkrieg in Spanien. Zusammengehalten wird das Wimmelbild solcher Weltfülle vom Ideal eines Lebens, das sich nicht zu Verstellung oder Heuchelei verbiegen lässt. Konkret steht für die nicht wegzudiskutierende Materialität solchen Lebens das Symbol „Kaugummi“: zäh, bedingt formbar, unbestreitbar wirklich.

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Der Graf sammelt kleine Klumpen davon, gekaut bei oft Ahnungslosen – Spuren bedeutsamer Begegnungen in seiner Biographie. „Das Interessante“ daran ist nicht nur, wie er selbst sagt, „dass die kauende Person meist nicht weiß, dass sie gerade an der Herstellung eines wichtigen Objekts beteiligt ist“, sondern auch, dass der Graf seine Sammlung niemandem zeigen will, bis Eli auftaucht. Im Kern der Zwangsneurose des Sammlers hockt nämlich die Sozialpanik, und erst das Kind kann sie vertreiben – weil die Sammlung dafür steht, dass der Graf sich von Vergangenem weniger leicht trennen kann als die vor lauter Anpassungstaktik kläglich gedächtnisarme Menschenmehrheit, hat er lange Grund zur Sorge: „Ich wusste ja, was die Leute mit denen anstellten, die anders waren als sie ...“

Drei Pünktchen, ein offener Satz, ein offenes Spiel. Der klügste Spielzug der Verfasserin ist das Ende: Zum Schluss lässt sich der Graf entschuldigen; man darf ein bisschen länger im Buch bleiben als er und fühlt sich dabei wie in einem Museum wahrer Behauptungen, die keiner bewachen muss, weil niemand stehlen kann, was allen gehört.

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