Merkwürdig eigentlich, dass nicht viel mehr Leute es machen wie Valentin. Mit einem Buch auf den Friedhof zu spazieren, wo in der Luft eine Stille liegt, die man hören kann, ist wunderschön. Darum, denkt Valentin, heißen Friedhöfe so - weil sie friedlich sind.
Das ändert sich rasch in Kirsten Boies Kinderkrimi „Der Junge, der Gedanken lesen konnte“. Ausgerechnet auf einem Friedhof beginnt die aufregendste Zeit in Valentins Leben. Was hat der „Gentleman-Räuber“, der die Juweliere der Stadt überfällt, mit Bronislaw, dem Friedhofsgärtner, zu tun? Wieso ist jedes Mal ein Leichenwagen in der Nähe, wenn der Räuber zuschlägt? Und warum beklaut jemand die obdachlose „dicke Frau“?
Boie, eine der bekanntesten deutschen Kinderbuchautorinnen, lässt ihren zehn Jahre alten Ich-Erzähler Valentin nicht umsonst immer mal wieder Bücher über Kinderdetektive lesen. Auch sie folgt verlässlich dem Schema, das unzählige Enid-Blyton-Bände oder die TKKG-Serie erfolgreich vorschreiben: Große Ferien, Langeweile, ein merkwürdiger Zufall, ein kluges Kind, Gefahr - und ein paar Helfer. Auch ein Hund darf nicht fehlen, sein Name ist eine Verbeugung der Hamburgerin Boie vor ihrer Heimat: „Jiffel“ heißt er, plattdeutsch für Hund.
Steckenbleiben
Valentin hingegen erzählt in gewähltestem Hochdeutsch. Mit der Mutter ist er aus Kasachstan nach Deutschland gekommen, man schlägt sich durch, Valentin, der Wohlerzogene, beherrscht den Slang der türkischen Jungs um ihn herum ebenso, wie er den „Schellenbaum“ eines Schützenumzugs zu benennen weiß. Seine Sprache spiegelt überdeutlich seine Pflicht zum Gutsein.
Da verwundert es kaum mehr, dass er auch Gedanken lesen kann, was sich als nicht immer nur praktisch erweist bei der Detektivarbeit. Diese den Jungen durchaus beängstigende Gabe allerdings plumpst ebenso in die solide gestrickte Krimi-Geschichte hinein wie das Personal, dem Boie eine originelle Idylle zugedacht hat: zum Picknick auf dem Friedhof versammelt es sich wie andere Leute im Schrebergarten. Da sitzt Bronislaw, der Pole, da sitzen die netten Schilinskys, denen die Parzelle gehört, der distinguierte Greis Herr Schmidt, die Dicke Frau, bald auch Mesut, Valentins neuer Freund, von Regina Kehn ansprechend illustriert. Die Toten sitzen mit um die Kühlbox; Valentin trauert um seinen großen Bruder Artjom, dessen Tod die Mutter verhärtet hat. Trauer, Heimatverlust, Ängste, prekäre Verhältnisse, philosophische Exkurse - gut Gemeintes packt Boie auf den Karren ihres Krimis, so viel wie die „Dicke Frau“ Habseligkeiten in ihren Einkaufswagen. Im Kies der Friedhofswege bleibt die Obdachlose stecken, nur Valentins freundliches Wesen hilft ihr weiter. Ähnlich ist es auch mit dieser Geschichte.