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Sonja Danowski: „Smon Smon“. NordSüd Verlag, Zürich 2018. 48 S., geb., 20,– Euro . Ab 4 J. Bild: NordSüd

Bilderbuch von Sonja Danowski : Ein Ron Ron für das Spiegelwesen

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Ohne dich ist alles nichts: Sonja Danowski zeigt mit ihrem Bilderbuch „Smon Smon“, wie man eine Welt aus einem einzigen Vokal erschafft.

          Es ist dieser wunderbar aus der Zeit gefallene Strich, der die Augen auf den Bildern von Sonja Danowski hält. Ihre Technik, mit Bleistift, Tinte und Aquarellfarben präzise Welten zu erfassen, hat ihr bereits für das Buch „Kleine Nachtkatze“ 2017 den Troisdorfer Bilderbuchpreis der Kinderjury eingebracht. In ihrem neuen Bilderbuch „Smon Smon“ öffnet uns die Künstlerin nun eine ganz eigene, frei entworfene Welt.

          Der kindlich-matroschkahafte Troll namens Smon Smon nimmt uns mit auf die surreale Reise auf dem amorphen Planeten Gon Gon. Die Odyssee beginnt wie folgt: „Morgens hängt das Smon Smon sein letztes Ron Ron neben sein Won Won an ein Lon Lon und schwimmt in einem Ton Ton davon.“ Die (auch sprachlich) archaische Welt auf dem Planeten Gon Gon hat ihre eigenen Gesetze. Ron Rons sind pflückbare Früchte, die Hoffnung geben, weil sie das Überleben sichern. Diese Früchte gilt es in der bizarren Stein-Einöde, wie sie der Surrealist Richard Oelze nicht schöner hätte erfinden können, aufzuspüren. Also zieht das Smon Smon in die formschönen Zerklüftungen aus. Doch weil die karge Ödnis von Gon Gon wie von Zauberhand beseelt ist, wachen gute Geister in und über allem: Die pilzartigen Pon Pons laden zum Schlafen ein, die vogelartigen Flon Flons retten das Smon Smon, wenn die Pon Pons über Nacht zu schnell in den Himmel wachsen. Der girlandenartig ausfahrbare Hals des Smon Smons lässt auch tiefere Fjordwasser zu überwindbaren Hindernissen werden. Und als das Smon Smon in die zackigen Erdspalten der Zon Zons fällt, ist die helfende Gemeinschaft der kleinen Klon Klons zur Stelle. Es ist die positiv-poetischen Grundstimmung, welche die Reise auf diesem durchaus auch lebensfeindlichen Planeten zu einem für Kinder einladenden Abenteuer macht.

          Die Vision einer gleichberechtigen Kommunikation

          Erst einmal gilt es, über den Abgleich von Text und Bild die elf neuen Vokabeln zu erfassen. Lon Lon bedeutet etwa Leine. Anschließend folgen wir dem sphärisch entrückten Helden durch sein Abenteuer. Und über mehrere Déjà-vus kann, wer will, in den Subtext der Bildgeschichte einsteigen. Ist die fadenhafte Leine nicht auf jedem Bild zu entdecken? Wie eine Art Schicksalsfaden, der einen Bild um Bild durchs Buch führt. Da dieser Faden stets hilfreich zu nutzen ist, impliziert er die Aufforderung: Mach etwas aus deinem Schicksal!

          Und nicht zufällig sieht man auf dem Buchrücken den Lebensfaden sinnfällig in den Trichtern der pilzhaften Pon Pons liegen. Pilze bilden Rhizome, unterirdische Wurzelsysteme ohne Hauptwurzel. Deleuze und Guattari haben daraus einst eine Theorie gemacht: ein System des gegenseitigen Austauschs, die Vision einer gleichberechtigen Kommunikation – als Alternative zu hierarchischen Strukturen. Sich nicht auf die Wurzel zu konzentrieren, sondern sich auf unberechenbare Phänomene einzulassen, das passt zum Überleben auf dem Planeten Gon Gon.

          Diese friedlich-beseelte Stimmung

          Erhellend ist ein Zwischenpart der Bilderbuchreise, als das Smon Smon im flachen Wasser innehält und mit einem Mal sein Spiegelbild erblickt. Da ist der Blick ernst. Denn jäh realisiert das Smon Smon seine Einsamkeit. Vielleicht reift hier Smon Smons Entschluss, Hab und Gut zu verschenken und „weiter zu gehen“. Denn das Ende der Reise naht, und Belohnung steht aus: Erst findet das Smon Smon die Quelle der Ron Rons und entdeckt ganz nebenbei, dass hier auch die Lon Lons entstehen (nämlich aus den Wurzeln der lebensspendenden Korallenbäume). Und als es zurück nach Hause kommt, beendet ein wartendes Partner-Smon Smon die Strecke der abenteuerlichen Einsamkeit. Mehr Wärme war nie auf Gon Gon!

          „Als ich klein war, stand mein Bett nah am Fenster, und die Vorhänge durften nicht zugezogen werden, damit ich den Nachthimmel mit seinen leuchtenden Sternen sehen konnte“, sagt Sonja Danowski, „Ich fragte mich, was dort oben auf den anderen Planeten so los ist, und stellte mir fantastische Lebewesen vor. Während ich geborgen in meinem Bett lag, fühlte sich das sehr gemütlich an, es waren durchweg friedliche Welten und Wesen.“

          Genau diese friedlich-beseelte Stimmung lässt uns alle Unwirtlichkeit aushalten. Gemeinsam in der einen Welt aufgehen, die wir haben, den Zauber daran begreifen, das ist eine schöne Botschaft. Manchmal braucht es wohl eine ganz andere Welt, wie die von Sonja Danowski, um die eigene besser zu verstehen.

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