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Jugendbuch über Kaspar Hauser : Gibt es Menschen, die ihre Seele verloren haben?

André Eisermann als Kaspar Hauser in der Verfilmung von 1993. Bild: Picture-Alliance

In dieser Geschichte gibt es keine Heilung: Eindringlich erzählt Kristien Dieltiens vom rätselhaften Findelkind Kaspar Hauser und von einem Jungen, der ihm so nahe kommt wie kein zweiter.

          Wer die grausame Geschichte von Kaspar Hauser hört, wird sich unweigerlich die Frage stellen, ob es äußere Umstände gibt, die dazu führen, dass wir buchstäblich unsere Seele verlieren. Denn Kaspar Hauser wurde, seitdem er denken konnte, in ein Kellerloch gesperrt, in dem er wohl nicht einmal aufrecht stehen konnte. Wenn er schlief, wurden ihm Wasser und Brot gebracht, jemand muss ihn regelmäßig gereinigt haben, doch er hat vermutlich bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr keine Menschenseele zu Gesicht bekommen. Am 26. Mai 1828 tauchte er plötzlich auf dem Unschlittplatz in Nürnberg auf, schien geistig zurückgeblieben und sagte immerfort: „Ein solcher Reiter möcht ich werden wie mein Vater.“

          So will es die bekannte Überlieferung. Was davon historisch wahr ist und was eine Legende, daran scheiden sich bis heute die Geister. Doch welche historischen Theorien über Kaspar Hauser auch stimmen: Wer sich damit befasst, sieht dem Schrecken in die Augen. Kann man Kindern um die zwölf Jahre so etwas zumuten? Die belgische Schriftstellerin Kristien Dieltiens hat es sich getraut. 2012 auf Niederländisch erschienen, liegt ihr Buch „Kellerkind“ nun in der deutschen Übersetzung von Eva Schweikart vor. „Ich habe mir die Freiheit genommen“, erklärt Dieltiens im Nachwort, „im Rahmen der historischen Gegebenheiten meine eigene Wahrheit über Kaspar Hauser zu erzählen.“ Das allerdings macht sie so überzeugend und präzise, dass sich alles genau so zugetragen haben könnte, wie sie es beschreibt.

          Zwei Jungen in einer düsteren Welt

          Es sind zwei Geschichten, die Dieltiens erzählt: ihre Wahrheit über Kaspar Hauser und die Geschichte von dem Jungen Michael Ostheim, einer fiktiven Figur, zu der sie ein Hinweis aus der Literatur über Kaspar Hauser inspiriert habe. Die Geschichten wechseln kapitelweise ab: Michael schildert sein Leben als Ich-Erzähler; Kaspar lässt Dieltiens durch Isolde sprechen, die sich seit seinem Auftauchen um ihn kümmert. Sie ist der Erzählrahmen für Kaspars Tagebuch, dessen seitenlange Einträge in die Geschichte eingeflochten sind. Scheinbar unabhängig voneinander erzählt, wird erst allmählich das dichte Netz zwischen Michael und Kaspar sichtbar.

          Es ist eine düstere Welt, die beide Jungen zu Gesicht bekommen. In dieser Welt ist der Horizont nicht befreiend. In dieser Welt ist der Horizont ein Abgrund. Und es ist nicht ein lebenserfahrener Erwachsener, der in diesen Abgrund blickt, sondern ein Kind. Michael ist neun Jahre alt – und in seinem Leben ist nichts mehr heil. Er wurde mit einer sogenannten Hasenscharte geboren und gilt fortan als hässlich und verunstaltet. Dabei wächst er bei liebevollen Eltern auf und hat eine starke Bindung zu seiner Mutter, die sich schützend vor ihr Kind stellt und all die Demütigungen, die es aufgrund seiner Lippenspalte erfahren muss, abzuwenden versucht. Als würde vom Erdboden Gefahr drohen, nimmt sie es immer auf den Arm und gibt ihm eine Geborgenheit, die er von sonst niemandem bekommt. „Meine Mutter war die Erde für mich und mein Vater die Luft, die ich atmete.“

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