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Veröffentlicht: 18.05.2012, 15:30 Uhr

Katherine Rundells „Zu Hause redet das Gras“ Der Geruch der Heimat

Aus dem Busch Simbabwes in eine englische Privatschule: In Katherine Rundells Debüt „Zu Hause redet das Gras“ findet ein Mädchen die Steppe in London.

© Carlsen

Wilhelmina Silver, genannt Will, lebt mit ihrem Vater auf einer Farm in Simbabwe. Regeln oder Grenzen kennt sie nicht, und wenn sie tagelang auf ihrem Pferd Shumba im Busch verschwindet, sich von Früchten ernährt und den Bäumen und Tieren ihre Geschichten erzählt, sorgt sich nur Simon um sie, Wills bester Freund und Reitkumpan.

Erst als ihr Wildkatzenleben in Gefahr gerät, merkt Will, dass ihre Freiheit nicht nur selbstbestimmt ist: Cynthia Vincy hält Einzug auf der Farm, als Krankenpflegerin für Wills Vater, der schwer an Malaria erkrankt ist. Sie hat schon seit langem ein Auge auf Captain Brown geworfen, den Farmbesitzer, und wird schließlich zu dessen Frau. Ihr strenges Regime verhindert sogar, dass sich Will richtig von ihrem Vater verabschieden kann, als der schließlich seiner Krankheit erliegt. Als sie ihn zum letzten Mal sieht, gibt er ihr mit auf den Weg: „Gut und tapfer und glücklich, kleine Viel-zu-Viel. Ja?“

Einfach davon

Will wird es nicht leichtgemacht, dieses Versprechen einzulösen, denn Cynthia hat beschlossen, aus dem „wilden Tier“ ein „richtiges Mädchen“ zu machen: eins, das Blumengestecke flechten kann und sich in der Gesellschaft von Erwachsenen tadellos benimmt. Daher verfrachtet sie Will nach England, wo das Mädchen von nun an eine Privatschule besuchen soll. Trotz aller guten Vorsätze beginnt Wills neues Leben am Leewood College nicht sehr harmonisch. Die fremde Kultur, der Schulstoff und vor allem die vielen neuen Regeln leuchten ihr überhaupt nicht ein, und die unheimlich korrekten englischen Mädchen können mit der ungepflegten, Rad schlagenden Will ebenso wenig anfangen wie sie mit ihnen. Als Will immer mehr drangsaliert wird - vor allem, weil sie sich nicht wäscht, um den Geruch ihrer Heimat nicht zu verlieren -, springt sie eines Tages aus dem Fenster und läuft, in alter Gewohnheit, einfach davon. Diesmal wartet nicht die weite Steppe auf sie, sondern die Londoner Großstadt.

All dies erzählt die 1987 geborene britische Autorin Katherine Rundell in ihrem leicht autobiographisch grundierten Debüt „Zu Hause redet das Gras“ so poetisch, spannend und glaubwürdig, dass es unmöglich ist, das Buch auch nur für eine Minute wieder aus den Händen zu legen, was auch Henning Ahrens’ herausragender Übersetzung zu danken ist. Wills Survival-Techniken bewähren sich jedenfalls auch während ihrer aufreibenden Flucht durch London. Hier erfährt sie nicht nur viel über ihre neue Heimat, sondern auch über sich selbst. Obwohl sie eigentlich nur wieder nach Hause zurückkehren möchte, lernt sie nun, dass es weniger Mut erfordert, sich vor der Londoner Polizei zu verstecken, von Essensresten zu leben und im Hyde Park auf Bäumen zu schlafen, als sich den eigentlichen Problemen zu stellen.

Katherine Rundell: „Zu Hause redet das Gras“. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Carlsen Verlag, Hamburg 2012. 256 S., geb., 14,90 €. Ab 12 J.

Quelle: F.A.Z.

 

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