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Veröffentlicht: 10.02.2017, 14:19 Uhr

Jugendroman von Jandy Nelson Blick in den Spiegel

Identität als Schicksal? Ach was! Die Zwillinge in Jandy Nelsons Roman „Ich gebe dir die Sonne“ erfahren, wie alles in Bewegung gerät.

von Katharina Laszlo
© Verlag cbt Jandy Nelson: „Ich gebe dir die Sonne“. Aus dem Englischen von Catrin Frischer. Verlag cbt, München 2016. 480 S., geb., 17,99 €. Ab 14 J.

„Was, wenn ihm klar wird, dass ich ich bin?“ Die Frage des dreizehnjährigen Noah, der im Morgengrauen auf das Hausdach steigt, um dort, unsterblich verliebt, einen Blick auf den Nachbarsjungen zu erhaschen, ist mehr als eine in zermürbende Selbstzweifel gehüllte Tautologie. Denn wer dieses „Ich“ ist, weiß Noah, Protagonist in Jandy Nelsons zweitem Roman „Ich gebe dir die Sonne“, keineswegs. Er weiß nur, wie schwer das Leben mit ihm ist, diesem unangemessen an Insekten und Malerei und vor allem an Jungs interessierten „Ich“, weiß auch, wie sehr er seine Zwillingsschwester Jude beneidet um ihr so viel akzeptableres, Strandparties und Jungs gutfindendes - und sie gleichzeitig dafür verachtet.

Selbst eine Art duale Kreatur, setzt sich der Roman aus zwei sich abwechselnden Zeitebenen und Erzählstimmen zusammen, Noahs dreizehnjähriger und Judes sechzehnjähriger, die einander mal ergänzen, mal fundamental widersprechen. Gewissermaßen von zwei Seiten lässt Nelson die beiden so auf eine ganze Reihe lebensverändernde Ereignisse hinerzählen - die bittere Rivalität um einen Platz an einer angesehenen Kunstschule, die Trennung der Eltern, der Tod der Mutter - und lässt sie fragen, was es bedeutet zu behaupten, man sei man selbst.

Im Würgegriff eines Schultyrannen

Formell wie inhaltlich ist „Ich gebe dir die Sonne“ durchzogen von dem Konflikt aus Gespaltenheit und dem Verlangen nach Ganzheit, der im Fall der Zwillinge besonders deutlich wird. Scheint die Einheit der Zwillinge anfangs noch wie ein Geborgenheit spendender, von der Außenwelt abgeriegelter Bau, wird dieser im Laufe des Romans zunehmend klaustrophobisch. So zeichnet Noah, der die Angewohnheit hat, Erlebtes in mentale Schnellskizzen zu verwandeln, den Blick in den Spiegel nicht als Moment der Wiedererkennung, sondern der Selbstentfremdung, wenn nicht er es ist, der ihm entgegenblickt, sondern seine Schwester (verzerrende, zersprungene und verdeckte Spiegel sind, wenig überraschend, ein wiederkehrendes Motiv).

Für Noah scheint selbst konventionelle Sprache ein einengender Raum, aus dem es unbedingt auszubrechen gilt, bevor man droht von all den Fremden und Bekannten darin erstickt zu werden - manchmal ganz wörtlich: „Also wachse ich und wachse und wachse, bis ich mit dem Kopf an den Himmel knalle“, phantasiert er, während er sich im Würgegriff eines Schultyrannen befindet, der schließlich nur der beliebten Jude zuliebe von ihm ablässt.

Für die Komplexität der Dinge

Drei Jahre später sind die beiden jedoch kaum wiederzuerkennen, scheinen Identitäten, innerfamiliäre Rollen und sogar Lieblingselternteile getauscht zu haben: Jude ist in der Kunstschule als Chaos-Jude bekannt und hat ihre Freunde an Noah verloren, während Noah der Kunst entsagt, versucht, den Nachbarsjungen zu vergessen, und an seinem Ruf als waghalsiger Klippenspringer arbeitet. Alles ist gleich wahr, polare Gegensätze erodieren, verschmelzen sogar miteinander. Binäre, absolute Zuschreibungen sind nicht länger ausreichend, um Menschen und Erfahrungen zu beschreiben, denn alles und jeder spielt mindestens eine Doppel-, manche gar eine Dreifachrolle.

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„Vielleicht häufen wir fortwährend neue Persönlichkeiten an“, überlegt Jude gegen Ende des Romans. „Es kommen immer neue hinzu - wenn wir eine Wahl treffen, gut oder schlecht, wenn wir scheitern, den Verstand verlieren, ihn wiederfinden.“ Noah übertrumpft dies, natürlich, mit einer seiner Schnellskizzen: „Jedes neue Selbst auf den Schultern des vorigen, bis wir so wacklige Menschenstangen sind?“ Dass eine Metaphysik der wackligen Menschenstangen nach beinahe fünfhundert Seiten wirklich alles ist, worauf sich Nelson festlegen will, sollte keinesfalls als Rückzieher verstanden werden, sondern als weises Plädoyer für die Komplexität der Dinge, die es doch gerade so berauschend macht, ein Leben zu leben. Und gleichzeitig eines für die Fähigkeit der Kunst, uns anzutreiben, uns nicht nur in ihr zu spiegeln, sondern auch, uns fremder zu werden. Indem wir uns vorstellen, wie großartig und furchterregend es wohl wäre, jemand anderes zu sein.

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