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„Jo Raketen-Po“ von Pinkus Tulim Aus dem Flatulatorium nach Popolonien

20.01.2012 ·  Zwei Sportskanonen in einer windigen Disziplin: In „Jo Raketen-Po“ lässt Pinkus Tulim seine Helden Jonathan und Charlotte ganz schön Gas geben. Mit Tempo und Witz.

Von Felicitas von Lovenberg
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Die Frage, wie man mehr Jungs in Leseratten verwandelt, beschäftigt nicht nur Eltern und Lektoratsabteilungen, sondern offenbar auch manche Autoren. Einer von ihnen trägt den nom de plume Pinkus Tulim, und sein Schelmenroman „Jo Raketen-Po“ ist das erste Buch des im vergangenen Jahr gegründeten und unter dem Dach des Hörbuchlabels Schall & Wahn angesiedelten Lausbuch Verlags, der seine Zielgruppe schon im Namen trägt. Um Lausbuben und solche, die es werden könnten, anzusprechen, wollen die Bücher frech sein, witzig und originell. Drei bis sechs sollen im Jahr davon erscheinen.

Erst einmal aber gibt es „Jo Raketen-Po“. Und der ist schon mal ein ziemlicher Knaller. Jonathan Vogel hat nämlich ein Abgasproblem, und zwar vom Windelalter an. Wann immer die Luft aus dem Bauch des Knaben entweicht, kommt mächtig Wind auf. Der Erste, der das gar nicht komisch findet, weil er einen Pups mit Beilage abbekommt, ist sein Vater. Der humorlose Bernhard Vogel ist der oberste Kanalisations-Beauftragte der Stadt Blähingen, eines idyllischen Luftkurorts. Dass der kleine Jonathan dort nicht in Frieden pupsen kann, zeigt sich, als er eines schönen windigen Tages die Mitglieder des Damengesangsvereins, die sich gerade allzu eifrig über seinen Kinderwagen beugen, buchstäblich in die Luft jagt. Leider handelt es sich bei den Betroffenen ausgerechnet um die Gattinnen von Bernhard Vogels Vorgesetzten, die keinesfalls gewillt sind, diesen Vorfall zu übergehen. Stattdessen schicken sie der Familie Vogel das Amt für Seuchen, Pilzbefall, Faulgase und ansteckende Tierkrankheiten auf den Hals, und Vater Vogels Karriere in der Stadtverwaltung erweist sich bald als Rohrkrepierer. Nur Jonathans Mutter findet ihren Sohn vom blonden Schopf bis zum hyperaktiven Po rundum in Ordnung, und um ihn vor allen Anfeindungen zu beschützen, unterrichtet sie ihn selbst. Doch eines Tages, Jonathan ist schon neun, wird das Schulamt rigoros: Jonathan muss eingeschult werden, da hilft kein Hinweis auf Tornado-Koliken.

Nicht nur ein Buch für Lausejungs

In der verzweifelten Suche nach einem Mittel gegen die heftigen Pups-Attacken ihres Sohnes sucht Mutter Vogel schließlich Doktor Bum auf, Facharzt „für das Spezielle, das Stille und das Windige“. Der untersucht Jonathan in seinem Flatulatorium und stellt eine verheerende Diagnose: Jonathan ist allergisch - gegen cackao prudentium, „eine Substanz, die häufig vorkommt. Vor allem unter scheinbar gebildeten Menschen. Den meisten von uns macht es nichts aus, wir produzieren es selbst, gelegentlich. Aber Jonathan reagiert, wie gesagt, sehr empfindlich darauf. Die Wirkung, fährt der gute Dr. Bum fort, werde explosionsartig verstärkt, wenn sich Ungerechtigkeiten, Gemeinheiten und Quälereien hinzugesellen, zur eigentlichen Allergie: der gegen, nun ja, Klugscheißerei. Ausgestattet mit getrockneten Froschpillen, die das Schlimmste verhindern sollen, zieht Jonathan los in die Schule.

Das alles ist mit viel Tempo und Wortwitz geschrieben und von Anton Riedel mit schrägem Strich ins Bild gesetzt, und weil „Jo Raketen-Po“ zumal im ersten Drittel in spielerischen Umschreibungen von Jonathans „Problem“ schwelgt, es deutlich beschreibt, ohne dabei indes je die Grenze zum Unappetitlichen zu überschreiten, ist das Ganze ein großes Vergnügen - das man sich, von Christoph Maria Herbst mit großartigem Prusten und Trompeten vorgetragen, übrigens auch als Hörbuch sehr gern anhört. Einen kleinen Durchhänger erleidet die Geschichte erst, als Jonathan in der Schule von Charlotte Zindelmann-Selbach gekapert wird, die sich als selbsternannte Kunst-Pupserin den Künstlernamen Scha Scha Zinsel zulegt hat und imstande ist, die Geräuschkulisse eines ganzen Hubschrauberschwadrons heraufzubeschwören. Das gefällt der Schulverwaltung gar nicht, und so muss Jonathan ran, um sich und Scha Scha aus der Gefahrenzone zu bringen - natürlich raketenartig. Wie die beiden dabei an den Heißluftballon des Schweizers Wendelinus Sprüngli andocken, nach langer Fahrt schließlich in einem fernen Land namens Popolonien niedergehen und dort aufgrund ihrer Fähigkeiten zu Ehrenbürgern werden, ist zwar immer noch höchst originell, aber irgendwann dann eben auch so abgedreht und aufgebläht, dass das Lachen etwas müder wird. Der Weg von den Ideenwolken, auf die sich Jo und Scha Scha zuvor so schwungvoll hochgepupst haben, zurück auf den Boden ist etwas holprig. Ganz sicher aber ist, dass „Jo Raketen-Po“ nicht nur ein Buch für Lausejungs ist, sondern ebenso für Rotzgören.

Pinkus Tulim: „Jo Raketen-Po“. Mit Illustrationen von Anton Riedel. Lausbuch Verlag, Bergisch Gladbach 2012. 163 S., geb., 12,95 €. Ab 7 J.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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