http://www.faz.net/-gr3-urbx

Interview : Warum fürchteten Tim und Struppi Asterix, Mr. Farr?

  • Aktualisiert am

Am 22. Mai wäre Hergé, der Zeichner von „Tim und Struppi“, hundert Jahre alt geworden. Der englische Journalist Michael Farr ist einer der besten Kenner seines Werks und besuchte den scheuen Zeichner mehrfach.

          Am 22. Mai wäre Hergé, der Zeichner von „Tim und Struppi“, hundert Jahre alt geworden. Der englische Journalist Michael Farr ist einer der besten Kenner seines Werks und besuchte den scheuen Zeichner mehrfach.

          Warum sind die Namen „Tim“ und „Struppi“ schlecht gewählt, Herr Farr?

          Nur die Deutschen und die Niederländer haben den Originalnamen von Hergés berühmtester Comicfigur verändert, ansonsten heißt er überall auf der Welt wie in Belgien: Tintin. Das ist auch dort kein gängiger Vorname, Hergé hat ihn nach dem Vorbild seines früheren Helden Totor gewählt, als er noch nicht wissen konnte, was für ein Riesenerfolg die Abenteuerserie „Tintin“ werden würde. Was ihm in Belgien und Frankreich nicht geschadet hat, wäre wohl auch in Deutschland gegangen. Und „Struppi“, das ist der Gipfel an Einfallslosigkeit. So könnte doch jeder Hund heißen. In einer sehr frühen deutschen Übersetzung heißt er einfach „Strupp“ - immerhin etwas origineller.

          Ein Journalist und sein treuer Hund

          Das hätte auch ein Druckfehler sein können.

          Vorstellbar, aber wenn dadurch der Name weniger banal geworden wäre . . . Meine eigenen Landsleute, die Briten, waren allerdings auch nicht viel besser. Sie haben zwar „Tintin“ beibehalten, aber Hergés Hundename „Milou“ in „Snowy“ übersetzt. Wie einfallsreich bei einem weißen Tier! Hergé hat den Hund nach seiner ersten Freundin benannt, der er mit einundzwanzig, als er damit begann, „Tintin“ zu zeichnen, immer noch hinterhertrauerte. Die Dame wird gewiss überrascht gewesen sein, sich plötzlich als Hund in einem Comic wiederzufinden.

          Wie kommt ein Engländer dazu, sich für „Tim und Struppi“ zu interessieren?

          Es ist wahr, dass wir Engländer keine große Comictradition haben, aber „Tim und Struppi“ wird bei uns seit langem geschätzt. Die ersten beiden Bände sind 1952 erschienen, als der belgische Casterman-Verlag in mehreren europäischen Ländern ausprobieren wollte, ob seine erfolgreichste Serie auch dort Leser fände. In Deutschland klappte das ziemlich rasch. In Großbritannien schien es zunächst zu scheitern, doch 1957 kamen weitere Bände heraus, und von da an wurde bei uns viel „Tim und Struppi“ gelesen. Ich selbst allerdings bin als kleines Kind in Frankreich mit Hergés Comics aufgewachsen. Mein Vater arbeitete dort als Korrespondent für die „Daily Mail“, und meine Mutter las mir schon als Vierjährigem „Tim und Struppi“ vor. Als wir dann nach England zurückkehrten, erschienen gerade einige Bände zum ersten Mal auf Englisch, aber ich wurde von den Eltern angehalten, weiter die Originalausgaben zu lesen, um mein Französisch zu pflegen.

          Und so sind Sie Tintinologe geworden?

          Ja, so nennen sich diejenigen, die sich intensiv mit „Tim und Struppi“ befassen. Das ist ein internationales Phänomen, meine Bücher zu diesem Thema finden wie die Comics in zahlreichen Ländern ihre Leser. „Auf den Spuren von Tim & Struppi“, das jetzt gerade ins Deutsche übersetzt worden ist, war vorher schon in vierzehn Sprachen erschienen und hat in England nicht weniger Auflagen erlebt als in Frankreich: jeweils acht. „Tim und Struppi“ sind weltweit beliebt, weil sie als Figuren auch weltweit agiert haben.

          Obwohl doch etliche Abenteuer inhaltlich umstritten sind, besonders die beiden ersten: „Tim im Lande der Sowjets“ und „Tim im Kongo“.

          Das waren beides Geschichten, die Hergé 1929 und 1930 nach Aufforderung seines Chefredakteurs, eines streng katholischen Geistlichen, gezeichnet hat. Der wünschte sich eben antibolschewistische Propaganda und eine positive Darstellung des belgischen Kolonialismus. Hergé war damals ein junger Mann und tat, wie ihm geheißen. Aber er selbst war mit den beiden Bänden nicht glücklich. „Tim im Kongo“ etwa ist deshalb in Deutschland erst in den siebziger Jahren erschienen, und einer Neuausgabe von „Tim im Lande der Sowjets“ hatte Hergé nach mehr als vierzig Jahren nur deshalb zugestimmt, weil die Zahl der Raubdrucke immer größer wurde. Ursprünglich wollte er 1929 seinen Helden viel lieber nach Amerika schicken, was dann zwei Jahre später im dritten Album auch geschah. Von da an hat Hergé seine Erzählweise gefunden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Früherer SS-Wachmann angeklagt : Der Preis der späten Gerechtigkeit

          Vor Jahrzehnten hätte die Justiz Recht sprechen sollen zum Vernichtungssystem der Konzentrationslager. Sie hat es nicht ausreichend getan. Nun steht wieder ein Greis vor Gericht, der als junger Mann SS-Wachmann war. Ist das gerecht? Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.