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Ian Whybrows „Erwin, König der Wüste“ An Onkel Erwins Pfote durch die Wüste

Eigentlich haben wir von Erdmännchen genug. Trotzdem macht man seinen Frieden mit Ian Whybrows Buch „Erwin, König der Wüste“. Dazu wendet der Autor einen alten, hier aber erstaunlich weit tragenden Trick an.

© Schneider Buch

Früher das Alphatier, heute ein Bild des Jammers: „Onkel Erwin hatte nur ein Auge, sein Fell war an manchen Stellen ein wenig kahl und zerrupft, und sein linker Arm war merkwürdig verbogen.“ Woher die Blessuren kommen, ist nicht so leicht herauszufinden, obwohl Erwin gern spricht. Und dann am liebsten von sich.

Tilman Spreckelsen Folgen:

Dass aber die drei Kleinen, die ihm anvertraut sind und die mit ihm, als die Geschichte einsetzt, in einer dunklen Höhle hausen, jedes seiner Worte eisern glauben, ist ebenso naiv wie charmant und erweist sich als überaus wichtig für den Verlauf dieses Kinderbuchs: Anders, das wird rasch klar, als im Vertrauen auf Erwins mal solide, mal völlig aus der Luft gegriffenen Weltdeutungsmanöver hätten die vier ihre weite Reise niemals unbeschadet überlebt. Geschweige denn in der Fremde eine neue Erdmännchenpopulation begründet.

Die vielen Spuren

Eigentlich möchte man die putzigen Tiere inzwischen nicht mehr sehen: nicht auf dem Bildschirm, wo James Honeybornes Film „Wächter der Wüste“ von 2008 das größte Echo erzeugte, nicht im Kinderzimmer und nicht im Zoogehege, wo sich die jungen Besucher auf der anderen Seite der Barriere drängen, um einen Blick auf die brav die Pfoten aneinanderlegenden Erdmännchen zu erhaschen.

Und trotzdem gehört nicht viel Überwindung dazu, dass man seinen Frieden mit Ian Whybrows Buch „Erwin, König der Wüste“ macht. Dazu wendet der Autor einen alten, hier aber erstaunlich weit tragenden Trick an, indem er die Welt der Kalahari konsequent aus Erdmännchenperspektive schildert und so für seine Leser verfremdet. Was für Erwin und die Kleinen - sie heißen Mia, Träumer und Tüftler - existentiell ist, rückt ganz nahe, das Übrige verschwindet aus dem Gesichtskreis. Da ist die dunkle Höhle, aus der sie irgendwann gemeinsam mit Erwin ans Licht kommen. Das Mobbing der jetzigen Alphatiere. Der Weg durch die Wüste auf der Suche nach einem mystischen Ort, an dem Onkel Erwin einst seine glücklichsten Stunden verbrachte, weil er sich dort ein paar der riesigen, aber gutmütigen „Blah-Blahs“ zu willfährigen Dienern erzogen hatte. Und da sind die vielen Spuren, die jene Wesen im Wüstensand hinterlassen haben, verwirrende Gegenstände, Furchen oder auch steinharte Wege, auf denen die „Brumm-Brumms“ anzutreffen sind.

Eine Frage des Respekts

Dass die Erforschten ihre Erforscher mit demselben ethnologischen Interesse betrachten wie umgekehrt, ist ein netter Einfall, vor allem, weil der Autor es seinen Lesern überlässt, die von den Erdmännchen wahrgenommenen und beschriebenen Phänomene in unsere Begrifflichkeit zu überführen. Erwachsene werden dabei hier und da einen Vorsprung vor ihren Kindern haben, üben sich aber jedenfalls mit diesen im Dechiffrieren des fremden Blicks.

Vor allem aber erzählt Whybrow seine Geschichte von Freundschaft und Fürsorge voller Witz und Spannung. Der gestürzte Erdmännchenkönig Erwin wird durch die liebevolle Betreuung, die er an die drei Kleinen wendet, davor bewahrt, in Selbstmitleid zu versinken. Und auch die Provokationen seines Nachfolgers steckt er weg, weil es ihm um Träumer, Mia und Tüftler geht. Weniger selbstverständlich ist aber, wie wenig sich die Kleinen davon beeindrucken lassen, wie viel Erwin einstecken muss. Es ist ihr unerschütterlicher Respekt, der alle vier die Reise ins gelobte Erdmännchenland überstehen lässt, und es ist das gemeinsame Entdecken und Deuten eines im Sand vergrabenen menschlichen Spielzeugs, das ihnen allen einen Vorsprung gegenüber ihren Feinden und Konkurrenten verschafft. All dies lässt auf die schon für August angekündigte Fortsetzung hoffen.

Kein geringes Werk

Wer Erdmännchen in ein Medium überführt, der mag sie wüst vermenschlichen oder distanziert mit der Kamera dokumentieren. Oder er geht - wie im Fall von „Wächter der Wüste“ - einen dritten Weg, indem er die sachlich dokumentierten Wesen durch Kommentar und Schnitt zu Personen macht und so eine Geschichte erzählt. „Erwin, König der Wüste“ wiederum macht es umgekehrt: Aus dem - trotz aller authentischen Erdmännchenzutaten - klar anthropomorphen Szenario erwächst schließlich eine Welt, die den Unterschied zum Menschen betont. Diesen Weg so zu beschreiben, dass er für Grundschulkinder nachvollzogen werden kann, ist kein geringes Werk.

Ian Whybrow: „Erwin, König der Wüste“. Aus dem Englischen von Ilse Rothfuss. Schneider Buch im Egmont Verlag, Köln 2012. 218 S., geb., 9,99 €. Ab 6 J.

Quelle: F.A.Z.

 
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