08.12.2011 · Woher der Mensch kommt und was ihn ausmacht, erklärt niemand lebhafter als Ernst H. Gombrich in seiner „Weltgeschichte für junge Leser“. Kat Menschik hat den Klassiker frisch illustriert.
Von Felicitas von LovenbergEigentlich, so könnte man einwenden, braucht dieses Buch gar keine Bilder. Denn Ernst H. Gombrich, der, selbst gerade Mitte zwanzig, seine „Weltgeschichte für junge Leser“ 1935 in einer Rekordzeit von nur sechs Wochen niederschrieb und dabei noch die Zeit fand, die einzelnen Kapitel einer gewissen Ilse Heller, seiner späteren Frau, bei ihren Sonntagsspaziergängen vorzutragen, besaß als Kunsthistoriker die Gabe, in Bildern zu erzählen. Und zwar in so prägnanten wie geläufigen Motiven, die dem Leser oder Zuhörer aus weit vergangenen Zeiten gleichsam die Hand entgegenstrecken und dabei sagen: Siehst du, so war das einmal, und so ist es heute. Gombrich beginnt mit dem einprägsamsten, selbstverständlichsten Bild von allen: „Alle Geschichten fangen mit ,Es war einmal’ an. Einmal warst du klein und hast im Stehen kaum zur Hand deiner Mutter hinaufgereicht. Kannst du dich erinnern? Wenn du willst, kannst du eine Geschichte erzählen, die so anfängt: Es war einmal ein kleiner Bub - oder ein kleines Mädel -, und das war ich. Und einmal warst du auch ein Wickelkind. Daran kannst du dich nicht erinnern, aber du weißt es. Einmal waren auch der Vater und die Mutter klein. Und der Großvater und die Großmutter. Das ist schon viel länger her. Trotzdem weißt du es. Hinter jedem ,Es war einmal’ steht immer noch eins. An den Anfang kommt man nie.“
Gombrich gebraucht laufend Bilder, um jene Ereignisse und Entwicklungen zu veranschaulichen, die die Menschheit geprägt haben. Denn seine Geschichtserzählung zielt nicht auf Vollständigkeit, sondern auf das Wesentliche - auf das, was Bestand und Einfluss hatte, im Guten wie im Bösen. Auf diesem Weg stellt er immer wieder Fragen, die nicht nur das Mitwandern erleichtern, sondern vor allem das Mitdenken ankurbeln sollen, freundliche, innehaltende Fragen wie: „Kannst du dir das vorstellen?“ Oder „Wer weiß, wie lange das noch so gehen wird?“ Oder: „Ist dir etwas aufgefallen?“
Los geht es mit den Höhlenmenschen, die das Sprechen erfunden haben und das erste Feuer machten, dann gleiten wir hinüber in die Bronzezeit. Und nachdem Gombrich berichtet, wie die Menschen dieser Frühzeit gelebt haben, malt er wieder ein Bild: „Jetzt schau dir die Leute noch an, wie sie in ihren Einbaumschiffen zu den Pfahldörfern rudern, in Felle gekleidet. Sie bringen Getreide oder auch Salz aus den Bergwerken. Sie trinken aus schönen Tonkrügen, und ihre Frauen und Mädchen schmücken sich mit bunten Steinen und auch schon mit Gold.“ Und schließt eine seiner Fragen an: „Glaubst du, dass sich seither viel verändert hat?“
Und doch hatte Gombrichs Klassiker, der seit bald achtzig Jahren nicht nur Kindern, sondern auch ihren nicht minder wissensbedürftigen Eltern die großen Zusammenhänge der Weltgeschichte vermittelt - und Weltgeschichte ist es, Gombrich pflegt keinen eurozentrischen Blick -, von Anfang an Illustrationen. Angefertigt wurden sie von einem ehemaligen Reitlehrer für fünf Schilling pro Stück, und wie Gombrichs Enkelin Leonie im Vorwort schreibt, gaben sie Grund zu Amusement: „Mein Großvater wies immer gerne darauf hin, dass die vielen Pferde auf den Bildern so viel besser gezeichnet sind als die Menschen.“
Darum sei jetzt, da die Weltgeschichte frisch bebildert vor uns liegt, zunächst der Vergleich gezogen und festgestellt: An Pferden, auch wenn sie in der Geschichte der Welt eine kaum zu überschätzende Rolle gespielt haben, ist Kat Menschik nicht sonderlich interessiert - es gibt nur ein einziges, und das befördert einen Kreuzritter. Ihr Interesse gilt den Persönlichkeiten, den Bauwerken und Ereignissen - und den Stilen der Zeit. Denn alle Illustrationen zitieren historische Vorbilder, bekennen sich dabei aber durch die intensive Farbwahl, dem klaren, deutlichen Strich zu ihrer eigenen plakativen Modernität. Das sorgt, etwa bei Jesus am Kreuz oder bei Napoleon nach Jacques-Louis David, für einen poppigen Warhol-Effekt, der gelegentlich auch mit Cartoon, Filmkulisse und Comic spielt. So dürfen sich junge Leser, die dieses Buch mit heißen Ohren lesen, sich nicht mehr nur vom Erzähler, sondern auch von der Illustratorin sanft an die Hand genommen fühlen. An der Botschaft, dass das, was die Menschen eint, wichtiger ist als das, was sie trennt, hat der große jüdische Gelehrte Ernst Gombrich auch später in London, nach dem Zweiten Weltkrieg, bei seiner Überarbeitung und Ergänzung nicht gerüttelt.
Die wichtigsten Bilder-, Kinder- und Jugendbücher in Rezensionen der F.A.Z.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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