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Frantz Wittkamp und Axel Scheffler : Den Kopf in den Wolken

Axel Scheffler, Frantz Wittkamp: „In die Wälder gegangen, einen Löwen gefangen“. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2016. 47 S., geb., 12,95 €. Ab 5 J. Bild: Verlag Beltz & Gelberg

Frantz Wittkamp fasst die Welt in Vierzeilern zusammen, und Axel Scheffler setzt sie ins Bild: einst als Poster, jetzt als Buch. Doch die Vieldeutigkeit von einst ist vielen Illustrationen verlorengegangen.

          Die Findlinge von Frantz Wittkamp kennt jeder, auch wenn einem jetzt nicht sofort einfallen sollte, um was es sich bei ihnen handelt: „Einen Faden gefunden, / eine Schlinge gebunden, / in die Wälder gegangen, / einen Löwen gefangen“ - das ist ein Findling, ein vierzeiliges Kurzgedicht von häufig so ausgewiesener Lakonik, dass es Erwachsene zum Schmunzeln bringt und Kindern die Türen hin zu feinsten Phantasiereisen öffnet. Und Bücher, die beides können, Eltern und ihre Brut unterhalten, sind bekanntlich rar gesät.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Findlinge haben deswegen die Zeit überdauert. Wer in den neunziger Jahren Teenager war, konnte sie in der wunderbaren Kinderzeitschrift „Der bunte Hund“ lesen, in der sie teils auf aufklappbare Poster gedruckt und von niemand Geringerem als Axel Scheffler illustriert worden sind. Diese Poster waren Wimmelbilder. Eines (aus dem Jahr 1995) sah etwa aus wie ein großer Zoo ohne Zäune, in dem sich Menschen, Tiere und sonstige Lebewesen, Aliens zum Beispiel, begegneten. Ein Junge, der auf dem Boden lag und malte, wurde von einem Tiger umkreist, der ihm aber keine Angst einflößte, denn: „Der Tiger schleicht, / man kann nichts hören. / Er glaubt vielleicht, / er könnte stören.“ Hinter dem Tiger wiederum wuchs ein Baum in die Höhe, an dessen Stamm sich ein anderer Junge klammerte, der es auf einen im Geäst sitzenden Vogel abgesehen hatte: „Weit und breit ist nicht einer, / der uns hört oder sieht. / Sing, mein Vogel, mein Kleiner, / sing noch einmal mein Lied.“

          So sind die einzelnen Episoden miteinander in Kontakt getreten, um komplexere Geschichten zu erzählen, etwa, wenn ein Junge sich völlig umsonst im Baumstamm versteckte: „Immer sitzt er im Versteck. / Jeder hört ihn fluchen. / Was ist los? Verdammter Dreck, / keiner will mich suchen!“ Und warum wollte keiner suchen? Weil das kleine Schwein, das gerade in der Nähe stand, Wichtigeres zu tun hatte: „So, als wäre es allein, / weit entrückt und traumverloren, / sehen wir das kleine Schwein / manchmal in der Nase bohren.“

          Warum diese Eindeutigkeit?

          Axel Scheffler, dessen „Grüffelo“ nicht nur Kindern ein Begriff sein dürfte, hat die Wittkamp’schen Weisheiten stets in leuchtenden Farben und mit einem Sinn für das Spiel mit den Dimensionen illustriert: Der Übermut der Dichtung übertrug sich auf die Tiere, die häufig größer als die sie umgebende Welt waren, was den Eindruck erweckte, sie stünden über den Dingen. Hinzu kam, dass Scheffler die poetische Lakonie in Tiergesichter übertrug, denen nicht anzusehen war, was sie eigentlich dachten. Und genau die, eine gewisse Zweideutigkeit, ist dem neuen Buch, das die beiden nun aus den alten (und manchen neuen) Findlingen zusammengestellt haben, ein wenig verlorengegangen: Der Zweifel, ob der Tiger wirklich schleicht, weil er glaubt, er könnte stören, verschwindet nach einem Blick in sein Gesicht - denn er lächelt. Der Mann, dessen Kopf einst sacht an eine Wolke stieß, donnert nun mit voller Wucht an dieselbe, wobei er schmerzvoll das Gesicht verzieht und damit im Gegensatz zum Sinn des Reims steht: „Leute, die sich an den großen / Wolken, die am Himmel schweben, / ab und zu die Köpfe stoßen, / solche Leute soll es geben.“ Und gegen solche Widersprüchlichkeit ist auch gar nichts einzuwenden.

          Aber warum Scheffler die Doppelbödigkeit, die teils aus Wittkamps Dichtung, teils auch erst aus seinen eigenen Bildern entstand, zugunsten einer heiteren Eindeutigkeit aufgibt, ist schwer nachzuvollziehen. Es wäre auch nicht nötig gewesen. Denn es mag ja sein, dass es die Findlinge schon seit einer Ewigkeit gibt. Aber das hat ihnen eigentlich nicht geschadet.

          Axel Scheffler, Frantz Wittkamp: „In die Wälder gegangen, einen Löwen gefangen“. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2016. 47 S., geb., 12,95 €. Ab 5 J.

          Quelle: F.A.Z.

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