Dazu gehört Mut. Isabel Kreitz zitiert das berühmteste Titelbild der deutschen Buchgeschichte: Walter Triers Traum in Knallgelb, der 1929 Erich Kästners Kinderbuch „Emil und die Detektive“ schmückte (und seitdem jede der unzähligen Neuauflagen dieses Millionenerfolgs). Sie zitiert es zudem in ihrem eigenen Umschlagbild zu „Emil und die Detektive“. Und damit noch immer nicht genug: Sie führt uns als Betrachter dieser Szene in einem Hundertachtzig-Grad-Bogen genau auf die andere Seite der Litfaßsäule, hinter der versteckt Emil Tischbein und sein Freund Gustav mit der Hupe den diebischen Herrn Grundeis beobachten. Bei Isabel Kreitz sehen wir dem fröhlich pfeifenden Herrn mit feinem Anzug und Melone mitten ins Gesicht. Ach ja, auch das noch: Strahlend gelb wie bei Walter Trier ist das neue Titelbild nicht; Isabel Kreitz hält es eher in blassen Tönen.
Der Diebstahl dieses Motivs und eben der Mut, der dazugehört, eine solche Ikone umzuarbeiten, sind bezeichnend für Isabel Kreitz und ihre Kästner-Comics. „Emil und die Detektive“ ist schon der dritte nach „Der 35. Mai“ und „Pünktchen und Anton“. Alle sind im Cecilie Dressler Verlag erschienen - in jenem Haus also, das auch die Vorlagen im Programm hat. 2008 ist die Reihe dieser Adaptionen gestartet worden, somit schon vor dem derzeitigen Boom von Literaturcomics, und da sich die Bücher gut verkauften und Isabel Kreitz für den Auftaktband sofort den Max-und-Moritz-Preis der Stadt Erlangen, die wichtigste deutsche Comicauszeichnung, gewann, stand einer Fortsetzung nichts im Weg. Doch an „Emil“ wollte man sich zunächst nicht heranwagen.
Diese stilistische Nähe ist ein Wagnis
Mehr als alle anderen Werke von Kästner (der seine Bücher gern illustrieren ließ) ist dieses im kollektiven Gedächtnis mit den Bildern Walter Triers verbunden - nicht nur dem Titelmotiv, sondern auch den Zeichnungen im Text. Also probierte sich Isabel Kreitz, die Trier bewundert (wie könnte man das auch nicht?), erst einmal mit anderen von ihm illustrierten Titeln aus. Dabei übernahm sie das Zeitkolorit der Darstellungen und auch die klare Formgebung, die damals, 1929, auf der Höhe des internationalen Geschmacks war. Nicht umsonst fiel es Trier nicht schwer, ein paar Jahre später, als er vor Hitler geflohen war, im kanadischen Exil Beschäftigung zu finden: Sein Ruhm war ihm vorausgeeilt. Und noch heute sind seine Bilder unvergessen und unvergesslich.
Zeitlos indes sind sie nicht, und dementsprechend war es schon ein Wagnis für Isabel Kreitz, sich diesem Stil derart anzuschmiegen. Allerdings ist die fünfundvierzigjährige Hamburger Comiczeichnerin eine der Großen in ihrem Gewerbe, die unter anderem ihr Handwerk im Ausland gelernt hat, und zwar in Amerika, wo man professionell mit Comics umgeht, und der ihr dort vermittelte Pragmatismus ist das, was sie unter ihren deutschen Kollegen eben besonders heraushebt.
Mittlerweile hat sie auch im Ausland den Durchbruch geschafft: in Frankreich, dem wichtigsten Markt für Comics in Europa. Ihr Band „Die Sache mit Sorge“ feierte dort Triumphe, und auch diese Geschichte führt in die Vergangenheit: ins Japan des Zweiten Weltkriegs, wo Richard Sorge, ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft, Hitlers Angriffsplan auf die Sowjetunion verrät.
So verlangt es wahrhaft große Kunst beim Comicerzählen
Über die Handlung von „Emil und die Detektive“ muss man hier nichts sagen - einen größeren Klassiker kennt das deutsche Kinderbuch nicht. Heute ist die Geschichte zusätzlich interessant durch das Lokalkolorit Berlins in den goldenen zwanziger Jahren. Und das arbeitet Isabel Kreitz in ihrer Comicversion natürlich besonders sorgfältig heraus. Wobei sie nur gelegentlich konkrete Orte erkennen lässt, weil sie nicht ablenken will von der spannenden Verfolgung des Eisenbahndiebs Grundeis durch die Berliner Kinderschar. Ihr Augenmerk gilt vielmehr den Figuren, die zwar auf Triersche Weise gestaltet, aber auf Kreitzsche charakterisiert werden: Was da an im Buchtext beschriebenen Details alles gezeichnet wird, ist allemal eine Wiederlektüre auch des Romans „Emil und die Detektive“ wert, damit man erst so richtig seine Freude am Comic hat.
Und auch das geschriebene Wort spielt darin eine wichtige Rolle. Es ist nämlich die Anordnung der Sprechblasen, die den Blick über die Seiten lenkt und die Lektüre rhythmisiert - unmerklich, wie es wahrhaft große Kunst beim Comicerzählen verlangt.
Isabel Kreitz kann mit „Emil und die Detektive“ notgedrungen nicht mehr wie Erich Kästner auf der Höhe der Zeit sein. Aber sie steht mit diesem Buch im Zenit ihres Könnens.