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Neuer Roman von Sally Nicholls : Schau einfach nach allem, Holly!

  • -Aktualisiert am

Sally Nicholls: „Eine Insel für uns allein“. Roman. Aus dem Englischen von Beate Schäfer. dtv, München 2017. 216 S., br., 12,95 €. Ab 11 J. Bild: dtv

Wo die Tante ihren Schmuck versteckt hat, ist zweitrangig: In „Eine Insel für uns allein“, dem neuen Roman von Sally Nicholls, geht es um den Nervenkitzel, zum allerersten Mal Leben in Literatur zu verwandeln, und umgekehrt.

          Als Sally Nicholls’ Ich-Erzählerin Holly Kennett beginnt, ihre Geschichte aufzuschreiben, die sie „Eine Insel für uns allein“ nennt, hat sie dafür bemerkenswert viel und bemerkenswert düsteres Material: eine tote Mutter, einen toten Vater, eine tote Tante, einige sie vernachlässigende Verwandte, einen großen Bruder mit finanziellen Sorgen, einen kleinen Bruder mit krebskrankem Kaninchen und ein paar zwar ihr Bestes, aber nie genug gebende Mitarbeiter des Nordlondoner Jugendamts.

          Ausgerechnet der Schlaganfall ihrer Tante Irene markiert einen Wendepunkt im Leben der Kennett-Kinder. Im Hospital versprüht Holly eine erstaunliche Mischung aus Unbeschwertheit und Schonungslosigkeit. Darüber, dass sie früher viel Zeit in Krankenhäusern verbracht haben muss (der Vater starb an einem Blinddarmdurchbruch, die Mutter an Magenkrebs), schweigt Holly, registriert lieber jedes kleine Detail im Jetzt: Tante Irenes geschrumpft, beinahe tot wirkendes Gesicht, „ein Krankenhausbett mit Vorhang und ein blank gewischter Boden für überraschendes Erbrechen“. Ob man von Leuten mit einer Krankheit im Gehirn überhaupt Geschenke annehmen dürfe, fragt Holly ähnlich radikal, nachdem sie ihrem kleinen Bruder Davy bereits das erste Stück des Kuchens besorgt hat, den die Großmutter eigentlich für Tante Irene gebacken hatte. Als die Tante schließlich stirbt und Holly erfährt, dass sie ihr und ihren Geschwistern wertvollen, an einem unbekannten Ort verborgenen Schmuck vererbt hat, denkt sie: „Auf meinem inneren Trampolin schlug ich Saltos.“

          Es bleibt nur ein Versteck

          Nein, Holly ist keine kleine Psychopathin. Es ist nur so: Wer keine toten Eltern oder sonstige existentiellen Nöte hat, kann kaum auf die Art Abenteuer – und, dies ist fast noch wichtiger, die Art gute Geschichte – hoffen, die ihr und ihren Geschwistern bevorsteht.

          Die Suche nach dem Schmuck erweist sich als ereignisreich, aber bemerkenswert mühelos. Am Krankenbett hat Irene Holly ein Fotoalbum mit einer Reihe von Bildern mit nichtssagenden Motiven überreicht – eine Wand in Irenes Wohnzimmer, ein verlassenes Büro, das Nebengleis einer Bahnstrecke und jeweils einen karibisch und einen britisch aussehenden Strand. Holly muss weder herausragende deduktive Fähigkeiten noch besonderes Glück vorweisen, damit der englisch aussehende Strand, der sich als schottischer erweist, als mögliches und tatsächliches Versteck verbleibt.

          Mit ungezügelter Verschmitztheit

          Dass die Geschwister am Ende fündig werden, verrät Holly im Übrigen schon im allerersten Absatz. Es muss Nicholls also um etwas anderes gehen als um Spannung oder um eine andere Art von Spannung: Den Nervenkitzel, zum allerersten Mal Leben in Literatur zu verwandeln, und umgekehrt. Hollys Laufbahn als Schriftstellerin beginnt naturgemäß als Leserin. Ihre Lektüren sind vielseitig, erstrecken sich von Arthur Conan Doyles Kriminalgeschichten über Charlotte Brontës Gothic-Bildungsroman „Jane Eyre“ zu Lewis’ „Chroniken von Narnia“. Wäre ihr Leben, überlegt Holly, eine Sherlock-Holmes-Geschichte, könnte sie alles und jeden lesen wie ein Buch, könnte fremden Frauen durch ein bloßes Klopfen an der Tür ihre tiefsten Geheimnisse entlocken: „Holmes würde schon auf den ersten Blick erkennen, dass die Frau eine linkshändige Schneiderin ist, die Flöte spielt und eingelegte Zwiebeln mag.“ Sie habe Ähnliches ja mit echten Menschen ausprobiert, aber diese seien meist komplizierter, als sich jemals abbilden ließe – nichttraumatisierte, unbekümmerte Waisenkinder wie sie selbst zum Beispiel: Ihr Klassenfoto, das sie mit schlechtem Haarschnitt, zu kleinem Wintermantel und mit Klebeband zusammengehaltener Schultasche zeigt, könne vermuten lassen, ihre Mutter kümmere sich nicht richtig um sie. Dabei, fügt sie fröhlich hinzu, habe sie ja gar keine Mutter.

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