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Reime von Annie M. G. Schmidt : Mit Karl-Klaus ist nicht zu spaßen

Annie M. G. Schmidt: „Ein Teich voll mit Tinte“. Reimgeschichten. Mit Bildern von Sieb Posthuma. Aus dem Niederländischen von Christian Golusda. Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2016. 56 S., geb., 15,95 €. Ab 5 J. Bild: Moritz Verlag

In den Niederlanden sind Annie M. G. Schmidts Kindergedichte Klassiker – auf Deutsch gab es sie bislang nicht. Nun ist „Ein Teich voll mit Tinte“ als wundervoll illustrierter Band voller Reimgeschichten erschienen.

          Isabella Caramella hat es faustdick hinter ihren kleinen Ohren. Oder nein, doch nicht sie. Sie badet ja nur ihren kleinen Fratz. Wer wissen will, was eigentlich aus Fräulein Siebenzehn geworden ist, die keine Kinder mag, oder aus Herrn Achterbacke mit der fiesen Karojacke, der sollte mal besser Karl-Klaus fragen. Karl-Klaus ist Isabellas Krokodil. Und er scheint großen Appetit auf Spielverderber, Spaßbremsen und Erwachsene im Allgemeinen zu haben. Dass aber Isabella Caramella durchaus zu nutzen weiß, welcher Vorliebe Karl-Klaus frönt, verrät allein der kokett-wissende Augenaufschlag, den Sieb Posthuma der Göre ins Gesicht gezeichnet hat: ihre Augenbraue nicht weniger spitz als die Zahnreihen des fröhlichen Ungetüms, in denen sich Frau Direktor Dickmadam verklemmt hat.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Obwohl - wer den Leierkastenreimen folgt, die von Isabellas Puppenbad und Blümchen in der Hand erzählen, weiß durchaus, was dieses Kind im Schilde führt. Es ist eine helle Schar von funkelnden Geschichten in Reimform, die „Ein Teich voll mit Tinte“ versammelt. Es könnte beinahe sein, dass sie jener Mann ersonnen hat, der im Eröffnungsgedicht einen Tintenteich im Garten hat, aus dem er sich bedient, um Hunderte Jahre lang Geschichten zu erfinden.

          Die wahre Autorin dieser oft subversiven Geschichten allerdings, die stets in Reimen verfasst sind, ist Annie M. G. Schmidt (1911 bis 1995). Kinder, die sich manchmal nicht waschen wollen, und solche, die vielleicht noch nicht wissen, dass nicht gehorchen auch sehr befreiend sein kann, finden hilfreiche Anleitungen - genau wie jene, die von einer Villa im Eichenbaum träumen und davon, vielleicht doch einmal Elfen zu begegnen. Die sich ausmalen, wie es den sieben Eskimos wohl geht, die der Eismann von Helgoland bei sich wohnen lässt. Oder den Gespenstern bei der Wäsche zusehen.

          Das spricht für die Qualität dieser Gedichte

          Dass Schmidt nie die Erwachsenen ganz außer Acht gelassen haben mag, die ja die Kinderbücher kaufen, vorlesen und so verbreiten, hat aus der Pastorentochter, die stets ein wenig anders war als die anderen, eine der berühmtesten Schriftstellerinnen der Niederlande werden lassen. „Annie“, wie sie in den Jahren vor ihrem Selbstmord in hohem Alter von der Nation genannt wurde wie eine Art Königin, die das Volk mit Musicals, Fernsehserien und vor allem mit Kindererzählungen und Reimen versorgte, gilt in den Niederlanden gerade so viel wie Astrid Lindgren überall sonst. Aus deren Händen durfte sie 1988 den Hans-Christian-Andersen-Preis entgegennehmen, die höchste Auszeichnung für Kinderliteratur. Das ist schön. Noch schöner allerdings ist es, dass man nun endlich einmal auf Deutsch erleben kann, wie wundervoll leicht und stets ein wenig verrückt Schmidts Reimgeschichten sind, nah am Alltag und von dort direkt, mit trockenem Witz und Poesie, in das Tintenreich führend.

          Annie M. G. Schmidt ist nicht die einzige berühmte Autorin, die trotz hoher Ehren außerhalb ihres eigenen Landes kaum bekannt ist. „Pluck mit dem Kranwagen“, einer ihrer Klassiker, und „Die geheimnisvolle Minusch“, die auch verfilmt worden ist, sind schon fast alles, was auf Deutsch zu beschaffen ist. Dabei kichern bis heute die Kinder und wundern, amüsieren und begeistern sich, Erwachsene schwanken zwischen diskretem Grinsen und schallendem Lachen, wenn sie die Reimgeschichten hören, die Schmidt scheinbar im Viertelstundentakt aus der Schreibmaschine geflossen sind, handlich portioniert zum Vorlesen und bald gemeinsam Auswendigsprechen. Das funktioniert geradeso wie vor fast 50 Jahren, was unbedingt für die Qualität dieser Gedichte spricht.

          Das Versonnene und das Schräge

          Und es spricht auch für die Übersetzung, die Christian Golusda den Gedichten hat angedeihen lassen, die in den siebziger Jahren als Sammlung erschienen und 2011, von Posthuma illustriert, in den Niederlanden neu aufgelegt worden sind. Der 1948 geborene Frankfurter hat als Psychiater gearbeitet und parallel dazu in der freien Szene als Tänzer gearbeitet, zeitgenössisches Musiktheater konzipiert und aufgeführt, er arbeitet als Übersetzer, Autor und Dichter, auch von Kinderlyrik. Sein Gedicht „Flattertag“, über eine Auseinandersetzung zwischen Hummeln und Kohlweißlingen, eine Fabel über Rassismus und Toleranz, ist unter anderem zu einem preisgekrönten Kindertanztheater entwickelt worden.

          Golusda, der einst in den Niederlanden lebte, hat sich über die merkwürdige Lücke in der Schmidt-Rezeption gewundert und Abhilfe geschaffen. Schmidts Sprache sei so „urniederländisch“, dass in der Übersetzung jede Farbe verlorengehe, befand einst ihre Biographin Annejet van der Zijl. Das hat Golusda schlicht und lakonisch widerlegt, mit Reimen, die nur beim ersten Hören knitteln, das Versonnene im Deutschen aufnehmen und das Schräge. „Isabella Caramella“ übrigens gehört im Original längst zu den bekannten modernen Kinderliedern, wie man auch im Internet nachhören kann. Und es steht außer Frage: Ihr Krokodil Petijn ist auch als Karl-Klaus, in der deutschen Fassung, zur selben Melodie wunderbar zum Mitsingen geeignet.

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