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Ein Kindersachbuch über Piraten Smutje statt Kapitän

26.03.2010 ·  Worüber wir sprechen, wenn wir von Piraten sprechen: Hauke Kocks Kindersachbuch „Piraten“ räumt mit der Folklore auf und beantwortet stattdessen die drängenden Fragen des Freibeuterwesens.

Von Fridtjof Küchemann
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Eine Hakenhand? Wie hätte ein Pirat denn damit ordentlich entern können? Eine Augenklappe? Da hätte ein Seeräuber doch wirklich zu wenig Übersicht im Kampf gehabt! Aber wenigstens ein Holzbein? Damit wäre er bei Seegang wohl kaum über die glitschigen Planken des Oberdecks gekommen. Mit Holzbein, erfahren wir in Hauke Kocks Kindersachbuch „Piraten“ aus der Reihe „Frag doch mal ... die Maus“ , war ein Seeräuber allenfalls noch in der Kombüse zu gebrauchen. Dort allerdings waren Einbeinige wohl keine Seltenheit.

Das Buch ist im besten Sinne eine Enttäuschung: Fast jedes Motiv der gängigen Piratenfolklore für Kinder wird widerlegt, und wer es bislang mit Käpt'n Sharky, Käpten Knitterbart und Olle Holzbein oder mit den Plastikfiguren von Playmobil und Lego zu tun hatte, der wird erstaunt sein, wie wenig die geschichtliche Wirklichkeit mit unseren Bildern übereinstimmt. Und überrascht, wie packend sich dennoch davon erzählen lässt: Eine kleine Waffenkunde gibt Überblick über die gängigen Enterutensilien, eine Doppelseite führt in ein Piratennest und eine andere stellt den legendären „Schwarzbart“ vor, mit bürgerlichem Namen Edward Teach, der sich zum Kampf gern brennende Lunten unter den Hut steckte, auf dass den Gegnern schon bei seinem Anblick das Herz in die Hose rutsche.

Seeräuber aller Zeiten und Länder

Überhaupt zeigt der Autor den einschüchternden Bluff als wichtigste Fähigkeit beim Seeräuberhandwerk: Die erst im Moment des Angriffs gehissten Piratenflaggen sollten die Opfer ängstigen, ein plötzliches Gewimmel an Bord, wenn die zunächst versteckten Seeräuber aus allen Luken sprangen, die unübersehbare Übermacht der Angreifer zeigen, und wildes Kampfgeschrei beim Entern den wirklichen Kampf aufs Mindestmögliche beschränken. Mit Kanonen wurde übrigens nur im Notfall geschossen: Das angegriffene Handelsschiff sollte ja geplündert und nicht versenkt werden.

Die Vielfalt der Illustrationen - ein durchgehender Zeichenstil wird durch Fotos und die Wiedergabe historischer Zeichnungen ergänzt - unterscheidet dieses Werk von den meisten konkurrierenden Kindersachbüchern zum Thema. Nur die mitunter willkürlich wirkende Abfolge der an sich schön und schlüssig gestalteten Doppelseiten stört: Statt etwa die Porträts der berühmtesten Piraten (und Piratinnen!) zu bündeln, wird ihre Abfolge immer wieder durch allgemeinere Themen (Ausstattung der Schiffe, Gesundheit der Seeräuber oder die Orientierung auf See) unterbrochen.

Dennoch: Ein kurzweiliges Sachbuch hat Hauke Kock aus diesem freilich dankbaren Thema gemacht. Er beschränkt sich dabei nicht auf das so genannte goldene Zeitalter der Seeräuberei, als Südamerika ausgeplündert und die Schätze des Kontinents übers Meer nach Europa geschafft wurden, sondern setzt bei den Römern ein, die im Mittelmeer auch schon unter Piraten zu leiden hatten. Er zählt auch die Wikinger dazu und endet in unserer Zeit bei den Überfällen vor der Küste Somalias. Eine Weltkarte in Postergröße schließlich versammelt die Seeräuber aller Zeiten und Länder - und zeigt sie als leider ebenso ewige wie immer noch allgegenwärtige Plage.

Hauke Kock: „Frag doch mal die Maus: Piraten“. cbj, München 2009. 56 S., geb., 12,95 €. Ab 6 J.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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