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Veröffentlicht: 22.11.2016, 22:33 Uhr

Cornelia Funkes „Drachenreiter“ Ein Fingerzeig nach Persepolis

Cornelia Funkes „Drachenreiter“-Fortsetzung schickt bekannte Figuren auf eine neue Reise. Doch nicht nur die Welt hat sich geändert, auch die Autorin schreibt anders. Dem Roman tut das gut.

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© Dressler, Illustration Cornelia Funke Wer es mit einem Greif aufnehmen will, braucht einen Panzer, ein Fell oder sehr viel Überzeugungskraft.

In diesem Herbst gab es gleich zwei unerwartete Fortsetzungen großer Jugendbuchstoffe - einmal, neunzehn Jahre nach dem Erscheinen des allerersten „Harry Potter“-Bandes, das Skript zum Theaterstück und der Film „Phantastische Tierwesen“, zweitens, ebenfalls neunzehn Jahre nach dem ersten Band, die Fortsetzung von Cornelia Funkes „Drachenreiter“. Sie knüpft an die Geschichte des Jungen Ben an, der gemeinsam mit dem Drachen Lung, dem Koboldmädchen Schwefelfell und dem Fabelwesen-Forscher Barnabas Wiesengrund im ersten Band eine Kolonie bedrohter Drachen in ein Refugium im Himalaja führte.

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Die Handlung von „Drachenreiter - Die Feder eines Greifs“ setzt zwei Jahre später ein. Barnabas Wiesengrund hat mittlerweile eine Art Fabelwesen-Reservat an einem norwegischen Fjord begründet, wo er mit seiner Familie, in die er auch Ben aufgenommen hat, als Beschützer dieser Geschöpfe lebt. Als aber in Griechenland das letzte Pegasusweibchen zu Tode kommt, muss Barnabas dafür sorgen, dass die drei hinterlassenen Pegasus-Eier ausgebrütet werden, was unter diesen Umständen nur mit der Hilfe einer Greifenfeder gelingen kann. Also ziehen Barnabas, Ben, Lung und Schwefelfell los - irgendwo auf einer indonesischen Insel soll es noch eine Kolonie Greife geben, nur dass die berüchtigt sind für ihre mörderische Aggressivität, aber man wird ja sehen.

Besonderer Blick auf lokale Traditionen des Übernatürlichen

Eine klassische Abenteuerreise also, die Funke beschreibt, mit allem, was schon den ersten Band prägte: eine heterogene Gruppe, deren Mitglieder sich erst zusammenraufen müssen, ein Auftrag, der vor lauter Gefahren kaum zu erfüllen ist, und schließlich ein Finale, das geprägt ist von jähen Umschwüngen. Doch so sehr das neue Buch auf dem Grund des alten wurzelt, so erkennbar fällt doch ins Auge, wie sehr sich die erschriebene Welt der Autorin seit 1997 gewandelt hat, in den Jahren also, in denen ihre Welterfolge, allen voran die „Tintenwelt“- und die „Reckless“-Romane, erschienen sind.

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Am auffälligsten ist, wie intensiv Funke spätestens mit dem Roman „Tintenblut“ ihre Welt bevölkert hat mit kleinen und großen Fabelwesen, die in den Wäldern Gefahr bedeuten und in den Städten meist eher friedlich herumwuseln. Der reichen Phantasie, die derlei in der Tintenwelt hervorgebracht hat, trat dann 2010 mit dem ersten „Reckless“-Band die lokale Märchentradition an die Seite: Wo immer sich die Helden um Jacob Reckless aufhielten, stets bekamen sie es mit Fabelwesen oder magischen Accessoirs zu tun, die im jeweiligen Land verwurzelt sind: den Grimmschen Märchenfiguren in Mitteleuropa, Blaubart und dem gestiefelten Kater in Frankreich, der Babajaga in Russland und anderen mehr. Auch die Drachenreiter-Fortsetzung profitiert von diesem Zugriff, der hier mit fiedelnden norwegischen Wassermännern beginnt und beim indischen Vogelgott Garuda längst nicht endet, enorm.

Eingeschrieben ist diesem besonderen Blick auf lokale Traditionen des Übernatürlichen aber die Überzeugung, dass es innerhalb dieser Vielfalt keinen Vorrang gibt. „Die Welt sieht für jeden ihrer Bewohner etwas anders aus“, heißt es einmal, und das liegt nicht nur an der unterschiedlichen Herkunft oder Physiognomie der Betrachtenden: Wenn man im Käfig sitzt, auch dies beschreibt Funke sehr schön, bekommt die Welt eben Streifen.

Reliefs aus Mesopotamien an indonesischen Häusern

Bei näherer Bekanntschaft stellen sich etwa die Greife als sehr viel heterogener dar, als es die apokryphen, zudem weit gereisten Berichte ahnen ließen, man kann sich mit den Gutwilligen unter verbünden, selbst wenn man mit den Aggressiven dann doch um einen Kampf nicht herumkommt. Allen gemein ist aber, dass sie in ihrer Existenz bedroht sind, so wie Wildtiere in der Realität, und was Barnabas Wiesengrund unternimmt, um Greife, Nixen und Kobolde zu schützen, ähnelt durchaus den Bemühungen des WWF um Tiger und Nashörner.

43480737 © Dressler Vergrößern Cornelia Funke: „Drachenreiter - Die Feder eines Greifs“. Mit Bildern der Autorin. Dressler Verlag, Hamburg 2016. 400 S., geb., 18,99 €. Ab 8 J.

Warum? Funke lässt den Grund in einer Beschreibung anklingen: Die Greife, die einst aus Mesopotamien vertrieben wurden, haben ihre indonesischen Baumhäuser mit Symbolen verziert, die den Reliefs aus Persepolis gleichen, Kunstwerken also, die derzeit in ihrer Existenz massiv bedroht sind, weil Fanatiker Bilder einer religiösen Vielfalt nicht ertragen.

Funkes Fantasyroman stellt daher nicht nur sein Fundament aus, sondern weist zugleich auf die Gefahr hin, in der es sich befindet. Und zeigt einmal mehr, wie reflektiert diese Autorin an ihr Werk geht.

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