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„Die kleine Hexe“ Die heile Welt ist anderswo

31.03.2007 ·  Die mutmaßlich „heile Welt“ seiner Bücher sei ihm massiv vorgehalten worden, schrieb er einmal. Man habe ihm übel genommen, dass er nicht auf die „Kindsein-ist-mies-Welle“ eingeschwenkt sei. Vor 50 Jahre erschien Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“. Eine Würdigung von Tilman Spreckelsen.

Von Tilman Spreckelsen
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Was für ein Finale: Da sitzt sie, die Ausgestoßene, die Gedemütigte und Beleidigte, und ruiniert mit einem Handstreich mal eben 500 Existenzen. Denn die kleine Hexe, wegen ihres moralischen Abweichlertums gerade zu den allerniedersten Handlangerdiensten verdonnert, entfacht ein gewaltiges Feuer aus den Besen und Zauberbüchern der anderen Hexen - jener Frauen also, um deren Anerkennung sie ein Jahr lang vergeblich gekämpft hatte. Das hat sie hinter sich, vor sich aber nichts geringeres als die Aussicht auf Weltherrschaft. Denn weil sie ihren Rivalinnen gleich alle Hexenkunst mit weggehext hat, ist sie nunmehr die Einzige, die Zugriff auf die alten Formeln und Rezepte hat.

Natürlich hat die Geschichte in diesem Triumph ihr genuines Ende gefunden, denn der gewiefte Erzähler Otfried Preußler wusste, was er tat, als er auf diesen Höhepunkt zusteuerte (und hat dann auch, anders als beim „Räuber Hotzenplotz“, keine Fortsetzung geschrieben). Und ebenso natürlich wird die Heldin, darf man annehmen, der Versuchung widerstehen, alles unter ihr Kommando zu bringen, denn schließlich wurde sie ja gerade wegen ihrer ungeheuren Warmherzigkeit aus dem finalen Hexensabbat ausgeschlossen.

Weltweit 4,3 Millionen Mal verkauft

Eine „gute Hexe“ wollte sie sein, den Bedrängten helfen, die Quälgeister der Armen strafen, die Hungrigen nähren, die Leidenden trösten. Dass sie dabei allerdings nicht als Mutter Teresa endet, dafür sorgt schon das fulminante Gespür ihres Urhebers für komische Situationen, für kindliche Anarchie (immerhin ist die kleine Hexe erst 127 Jahre alt, gemessen an den anderen geradezu ein Küken) und für Signale, die dafür sorgen, dass es immer ein bisschen unheimlich bleibt in diesem Kosmos aus dunklem Wald und vormoderner Kleinstadt. Oder wie soll man, aufgewachsen mit Grimms Märchen, einer Hexe begegnen, hinter deren Haus unübersehbar ein Backofen thront?

„Die kleine Hexe“, nach dem „Kleinen Wassermann“ Otfried Preußlers zweites Buch, erschien vor genau fünfzig Jahren, am 1. April 1957, und wurde seitdem weltweit mehr als 4,3 Millionen Mal verkauft, in 44 Sprachen übersetzt und oft auch mit den schönen Illustrationen von Winnie Gebhardt-Gayler gedruckt, die bis heute die deutsche Ausgabe zieren, allen vermeintlichen Wünschen des Lesepublikums nach grellen und glatten Illustrationen zum Trotz. Preußler und Gebhardt-Gayler ist, jedem auf seine Weise, damals auf Anhieb ein Klassiker geglückt, der seine Unanfechtbarkeit Jahr für Jahr aufs Neue beweist und dabei regional klar konturierte Begriffe wie „Klaubholz“, „Revierförster“ oder „Fäustling“ in den fernen Osten oder in die arabische Welt trägt, offenbar nicht zum Schaden des Werks.

Ein doppelt kurioser Vorwurf

In einem großen Text aus dem Jahr 1988 erinnert sich Preußler an die Anfeindungen, denen er 15 Jahre zuvor ausgesetzt gewesen war. Die mutmaßlich „heile Welt“ seiner Bücher sei ihm massiv vorgehalten worden, schreibt er, und dass er damals in den Siebzigern nicht „auf die heftig aufgeschäumte Kindsein-ist-mies-Welle“ eingeschwenkt sei, habe man ihm in der Kinderliteraturszene übelgenommen.

Nun wäre das freilich ein doppelt kurioser Vorwurf, auch deshalb, weil man sich nicht leicht eine unheimlichere und bedrückendere Welt vorstellen kann als etwa die des Müllergesellen Krabat, der in der verzauberten Mühle in Rekordzeit und unter Lebensgefahr erwachsen werden muss. Und wer „Die kleine Hexe“ aufmerksam liest, wird einiges über Mobbing lernen, über aufgepeitschte Gruppen, die sich um ein Opfer scharen und sich in sadistischen Vorschlägen überbieten, ebendieses Opfer bis aufs Blut zu quälen.

Wacklige Ehen, saufende Väter, keifende Mütter

Hinter dem Vorwurf aber steckt die krude Verwechslung von angestrebter Gegenwärtigkeit mit Authentizität bei der Darstellung des kindlichen Kosmos: Dass sich jedenfalls junge Leser über die Jahrzehnte mit ihrer Welt zuhauf in den Werken Preußlers wiedergefunden haben, in all den böhmischen Dörfern, den Wäldern und Weihern, ist unübersehbar. Umgekehrt hat sich Preußler immer dagegen gewandt, „unschuldige Kinder möglichst frühzeitig mit Texten zu konfrontieren, die von den Schattenbereichen des menschlichen Lebens handeln.

Wacklige Ehen, saufende Väter, keifende Mütter, feindselige Nachbarn, der diktatorische Lehrer: alles, was sich an miesen Typen aufbieten lässt“. Es sei ja richtig, diese Typen gebe es, schreibt Preußler weiter, und das „süßlich verkitschte“, „in polemischer Absicht gefälschte Bild von der ,heilen Welt'“ sei „unerträglich in seiner Verlogenheit. Doch nicht minder verlogen und unerträglich ist auch das sauer verkitschte Gegenbild, das Klischee von der ausschließlich unheilen, von der ausschließlich miesen Welt.“

Preußlers Dialoge sind meisterlich

Preußler hat oft berichtet, wie er seine Bücher verfasst: als ein Erzähler, der im Laufen ein Diktiergerät benutzt, im Rhythmus der Schritte seinen Text formt und dann später abtippt. Wer mit den Hörspielen aufgewachsen ist, die aus Preußlers Büchern entstanden sind, wird dieses Element von Mündlichkeit beim Wiederlesen besonders gut wahrnehmen - Preußlers Dialoge sind in ihrer sparsamen Verdichtung meisterlich, seine Erzählerstimme schlägt sofort in den Bann, und manchmal wünscht man sich, einer der Schulklassen angehört zu haben, die er bis 1970 unterrichtet hat, um der Erfahrung willen, dem allmählichen Entstehen solcher Texte aus der Erzählsituation heraus beigewohnt zu haben.

Wer für Jungendliche schreibt, braucht eine Vorstellung seines Gegenübers. Das Glück oder Unglück von Preußlers Gestalten entscheidet sich immer wieder neu daran, ob sie jemanden haben, zu dem sie sprechen, mit dem sie sich beraten können. Wie allein sind sie manchmal, Krabat, das kleine Gespenst, der starke Wanja, wie sehr ist die umfassend isolierte kleine Hexe auf den Raben Abraxas angewiesen. In dieser ausgesprochen stabilen Beziehung (und der Erzähler versäumt nicht, auf die Unlust des Raben am Heiraten hinzuweisen, auf den Nestbau also und den Fortzug aus dem Hexenhaus), sitzt der Rabe zu Hause, warnt, nörgelt und rät, während sich die Hexe draußen herumtreibt und die Welt rettet.

Und das im Wortsinn: Wie denn das Buch entstanden sei, wird Preußler oft gefragt. Er antwortet gern mit der Geschichte, wie er seinen Töchtern, die sich vor den bösen Hexen fürchteten, leichthin versprochen habe, böse Hexen gebe es gar nicht mehr, nur gute. Wie das denn gekommen sei, wollten die Mädchen wissen. Die Antwort schlägt Funken, lodert und prasselt und tröstet uns seit nunmehr einem halben Jahrhundert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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