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„Die Irrfahrten des Odysseus“ von Yvan Pommaux Mit dem Floß der Kalypso gegen das Raumschiff Prometheus

Homer statt Ridley Scott? Die als bildschäumender Comic nacherzählte Odyssee des Yvan Pommaux beweist, dass unsere frühen Epen noch lange nicht passé sind.

© Moritz Verlag Vergrößern

„Eins, zwei, drei im Sauseschritt, saust die Zeit“, schrieb Ende des neunzehnten Jahrhunderts Wilhelm Busch. Und das „wir laufen mit“ des Dichters, Humoristen und Comic-Pioniers signalisierte Einverständnis. Rund 150 Jahre später nähert sich die gefühlte und erlebte Zeit der Lichtgeschwindigkeit, löst Beklemmungen aus - und macht die jüngste Vergangenheit für uns so undurchschaubar wie die Urgeschichte. Wenn auch Comics heute jugendliche Stammlektüre sind, dürften „Max und Moritz“ Kindern so unbekannt sein wie Gustav Schwabs „Schönste Sagen des Klassischen Altertums“, die vor zwei Generationen in keinem Regal fehlten.

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Was vermögen Theseus oder Achill gegen Batman oder Harry Potter? Was sollte Heranwachsende dazu bringen, zu Homers Ilias und Odyssee zu greifen, wenn ihnen Suzanne Collins’ „Tribute von Panem“ winken? Eine Antwort weiß der Vater in Yvan Pommaux’ Nacherzählung der Odyssee. Er schildert eingangs knapp und nüchtern die Entstehung, spricht vom Trojanischen Krieg, der „oral history“ und dem Genie Homer, mit dessen beiden Epen die abendländische Literatur einsetzt.

Altmodisch vielleicht, aber faszinierend

Dann springt die Erzählung ins letzte Drittel der Odyssee, stellt Telemach, den Sohn des Odysseus vor, der hilflos mitansehen muss, wie die Freier seine Mutter Penelope bedrängen und den Besitz des verschollenen Vaters verprassen. Es folgt Athene, die Gegenmaßnahmen ergreift. In einer gut kalkulierten Bildfolge sieht man, wie sich die Schöne in einen jungen Wanderer mit Strohhut und Stock verwandelt, der Telemach die Rückkehr des Vaters voraussagt.

Pommaux wendet damit gekonnt die Verschränkungstechnik derzeit bei Jugendlichen erfolgreicher Filme wie „Snowhite and the Huntsman“ oder „The Dark Knight Rises Again“ an. Aber er vermeidet die aussichtslose Konkurrenz zu deren „special effects“: Athenes Wandlung vollzieht sich wie in Zeitlupe, ist im Medium des Comic die Fortsetzung der Metamorphosen, wie sie die Maler der Renaissance und des Barock vorstellten; altmodisch vielleicht, aber faszinierend.

Atemholen vom Bilderwirbel der Computerbildschirme

Nun geht es Schlag auf Schlag: Odysseus verlässt die Nymphe Kalypso, die ihn sieben Jahre auf ihre Insel gebannt hat, erleidet, Opfer des unversöhnliches Hasses, mit dem ihn der Meeresgott Poseidon verfolgt, Schiffbruch, strandet auf der Insel der Phäaken, wo ihn die Königstochter Nausikaa findet, sitzt beim König zu Tisch,hört einen fahrenden Sänger von seinen, Odysseus’ Heldentaten erzählen - und bricht in Tränen aus.

Gleich darauf redet der Held selbst. Der Tonfall wird atemlos, wechselt in die Gegenwartsform, beschwört Ungeheuer, Kämpfe, Seestürme. Spätestens jetzt werden kindliche Leser so gebannt sein, wie sie es sonst bei Potter oder Spiderman sind. Bei der Stange dürften sie auch die Illustrationen halten: Pommaux meidet die Konkurrenz mit 3-D und Animationsverfahren. Sein bewährter Comicstil mag unsereinem antiquiert erscheinen. Doch schon nach einigen Seiten greift die gelassene Ruhe der klar konturierten, auf Wesentliches konzentrierten Zeichnungen auf den Betrachter über - Atemholen vom Bilderwirbel der Computerbildschirme.

Das Schlachten wird nicht verschwiegen

Abgesehen vom (allerdings manchmal ziemlich penetranten) Lapsus, dass Pommaux auf Kirkes Wunderinsel und rings um den Palast von Ithaka Palmen sich im Wind wiegen und Agaven ihre fleischigen Dornenblätter spreizen lässt, so dass die frühgriechischen Helden plötzlich ins alte Ägypten oder das Yucatan der Mayas versetzt scheinen, liefert die reiche Bebilderung einen lehrreichen Blick in die Welt der Bronzezeit; charakteristische Bauformen wie das Löwentor von Mykene oder das zyklopische Mauerwerk der Höhenburgen erscheinen, dazu typische Motive der Keramik, des Mobiliars, der Kleidung, der Waffen und der Rüstungen; gegen Pommaux’ Bild der Festung Troja zum Beispiel dürften selbst die dort tätigen Archäologen nichts einzuwenden haben. Und das blutrünstige Schlachten, von dem Homers Epos beinahe so strotzt wie Bob Kanes Batman-Triologie? Das Buch verschweigt sie nicht, behandelt sie aber diskret.

Wenn am Ende die von Odysseus und Telemach gemetzelten Freier auf einer Doppelseite den blutigen Boden des Festsaal im Ithaka-Palast bedecken, mag man kurz zurückzucken. Doch was ist dieses Panorama gegen die Bilder, die täglich von überall her auf unsere Kinder einstürzen? Zumal, wenn die letzte Zeichnung die Reue, die Kriegsmüdigkeit und die Friedenssehnsucht des Heimkehrers beschwört. So kann sich denn Ridley Scotts aktueller Film „Prometheus“ homerisch geben - nach der Lektüre von Yvan Pommaux’ verständiger Nacherzählung Homers wird Scott Heranwachsenden second hand sein.

Yvan Pommaux: „Die Irrfahrten des Odysseus“. Aus dem Französischen von Erika und Karl Klewer. Moritz Verlag, Frankfurt am Main. 80 S., geb., 19,95 €. Ab 8 J.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 24.08.2012, 15:50 Uhr