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„Der Lorax“ von Dr. Seuss Das Schnattern der Schwippschwäne

 ·  Ohne Kunst kann man die Natur nicht vor der Technik und dem Geld retten: „Der Lorax“ von Dr. Seuss erklärt und ficht für das, was bewahrt werden soll, in schmissigen Bildern und eingängig verschrobenen Versen.

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Es gibt Leute, über die sich mit Recht der paradoxe Satz sagen lässt, sie seien in ihrer Heimat weltberühmt - bei uns etwa Karl May, in Australien der Dichter Banjo Paterson („Waltzing Matilda“), in Amerika die Schöpfer komischer Opern Gilbert und Sullivan sowie der Versemacher, Graphiker, Nonsense-Philosoph und Volkspädagoge Dr. Seuss alias Theodore Seuss Geisel (1904 bis 1991), dem die Bilderbuchkunst rund ein halbes Hundert kauziger und verblüffender Werke verdankt.

Ihre struppig-schmissige Optik und einladende, ja singbare lyrische Zugänglichkeit könnten bei oberflächlicher Lektüre als Merkzeichen des Harmlosen missverstanden werden. Macht man sich aber daran, die vom Tanz leichter Versfüße geprägten Erzählgedichte in eine andere Sprache zu übertragen, muss man schnell lernen, dass diese für Kinder gedachten, für Erwachsene unerschöpflichen Balladen so zahlreiche interpretatorische Fallstricke und Untiefen bieten, dass Vergleiche mit Lewis Carrolls sonst unvergleichlichen Alice-Büchern oder Comics auf Kunsthöhe wie Walt Kellys „Pogo“ und George Herrimans „Krazy Kat“ nicht unangemessen sind.

Zugegeben: eine Botschaft

„Der Lorax“ von 1972, ein Werk, von dem der nach ganz anderen, eben filmischen Gattungsgesetzen durchaus gelungene Computertrickfilm, der derzeit im Kino läuft, einen allenfalls indirekten Begriff vermittelt, erzählt die Geschichte eines Zottelkobolds, der sich mit einem Erfinder und Fabrikanten kabbelt. Dessen Produkte, bei Dr. Seuss sogenannte „Thneeds“ (von Nadia Budde schön verquer als „Schnäuche“ übersetzt), bedingen bei ihrer Herstellung allerlei Waldfrevel und sonstige Vernichtung von Natur. Die Folgen der Verwüstungen werden mit sachgerechtem Grimm bedichtet und ins Bild gesetzt - „am Ende der Stadt, / Wo das Mickergras steht / und der Wind fast versauert, wenn er langsam weht / und außer den Krähen kein Vogel mehr kräht, / liegt der Weg des entschwundenen Lorax“. Die Kunstfertigkeit des Büchleins hat widersprüchliche Auslegungen hervorgelockt: In der verbissenen Hartnäckigkeit des Lorax meinten Parteigänger der bei Erscheinen des Buches in ihrer ersten Blüte stehenden Ökologiebewegung eine Karikatur ihrer öffentlichen Wirkung zu erkennen; umgekehrt beschwerte sich die Holzwirtschaft, sie werde in ein allzu ungünstiges Licht gerückt.

Es stimmt schon: „Der Lorax“ hat, wie man heute so gern und unbeholfen sagt, eine Botschaft. Die sitzt hier aber nicht auf der Gestaltung wie der banale Deckel auf dem billigen Topf, sondern bleibt unberechenbar bereit davonzufliegen, wie der zwitschernde Vogel auf seinem Ast.

Ein diesseitiges Anliegen

Die Lebensnotwendigkeiten, für deren Rettung gestritten wird, sind nämlich nicht bloß Gräser, Eidechsen, Linden und Grundwasser, sondern auch bedrohte Geschöpfe wie der Reim, der Witz und die Sprachmusik: „Vom kräusligen Teich / stieg ein wohliger Klang / wo der Summerfisch summte / und planschte und sang.“ Die zoologisch unzuverlässigen „Braunfelliwullis“ tragen natürlich „Braunfellipullis“, und unweit der „Trüffelabäume“ schnattern die „Schwippschwäne“.

Der Erhalt der sogenannten natürlichen Lebensgrundlagen ist bekanntlich ein eher praktisches, jedenfalls ein diesseitiges Anliegen. Das Klügste, was Dr. Seuss in „Der Lorax“ vollbringt, ist jedoch der sinnliche Beweis der großen Wahrheit, dass noch der allerpragmatischste Kampf gegen das Falsche auf utopischen Brennstoff, Ausgedachtes, sprich: Kunst angewiesen ist. Wo das Falsche wirklich ist, muss man das Unwirkliche denken lernen, um das Richtige zu tun. Genau dafür rückt der Lorax, absurde Ausgeburt der Phantastik, Realisten die Köpfe zurecht.

Dr. Seuss: „Der Lorax“. Aus dem Englischen von Nadia Budde. Verlag Antje Kunstmann, München 2012. 72 S., geb., 14,95 €. Ab 6 J.

Quelle: F.A.Z.
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