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„Der kürzeste Tag des Jahres“ von Ursula Dubosarsky : Wo sich alles fügt, fangen die Deutungen erst an

Bild: Ueberreuter

Schreibend die Welt ordnen: Wer an der australischen Jugendbuchautorin Ursula Dubosarsky vorübergeht, verpasst ein schillerndes Werk voller Abgründe. Auch „Der kürzeste Tag des Jahres“ erzählt vom Verschwinden.

          Als im vergangenen Jahr der Roman „Nicht jetzt, niemals“ erschien, war das eine mittlere Sensation. Seine Autorin, die 1961 geborene Australierin Ursula Dubosarsky, war zuvor auf dem deutschen Jugendbuchmarkt komplett unbekannt gewesen, obwohl sie in ihrer Heimat bereits einige Bücher für junge Leser veröffentlicht hatte. Doch ihr kühler Roman, der eine Mädchenschulklasse porträtiert, die mit dem plötzlichen Verschwinden ihrer charismatischen Lehrerin fertigwerden muss, setzte inhaltlich wie formal unübersehbar Maßstäbe. Denn Dubosarskys ebenso anspruchsvolle wie abgründige Geschichte lässt am Ende zwei widerstreitende Deutungen des Geschehens zu, so dass die Leser sich entscheiden müssen: Handelt es sich einige Jahre später bei der zufälligen Begegnung der mittlerweile fast erwachsenen Schulklasse mit der Lehrerin um die glückliche Auflösung eines rätselhaften Falls? Oder haben es die Abiturientinnen mit einer Geistererscheinung zu tun?

          Dieser Tage ist Ursula Dubosarskys „Der kürzeste Tag des Jahres“ in der Übersetzung von Andreas Steinhöfel erschienen. Das Original ist schon alt, es erschien 1995 unter dem Titel „The First Book Of Samuel“. Auch hier geht es um das Verschwinden eines Protagonisten - Samuel, einziger Sohn in einer kuriosen Patchworkfamilie aus dem australischen Sydney, kommt am Nachmittag seines zwölften Geburtstags nicht mehr von der Schule nach Hause. Er setzt damit in seinem Elternhaus einen Prozess in Gang, in dessen Verlauf einiges auf den Tisch kommt, was bis dahin unterschwellig die Atmosphäre vergiftet hatte, allem voran die Vermutung, dass Samuels Mutter Hannah eine Affäre mit der schlaffen Supermarktbekanntschaft Randolph begonnen hatte.

          Alles, was passiert, hat unabsehbare Folgen

          Schwerer wiegt die nun offenbare wirkliche Bedrohung der Familie: Samuel, so stellt sich im Gefolge seiner Abwesenheit heraus, hatte sich als Kind mit Malaria infiziert, ohne dass irgendjemand dies bemerkt hätte. Der Ausbruch der Krankheit an seinem Geburtstag bringt ihn in Lebensgefahr. Und beendet auch die Eskapade, die sein Großvater Elias für ihn ausgeheckt hatte: Statt auf Samoa landet Samuel im Krankenhaus.

          Dubosarskys Roman erzählt im Wesentlichen die Geschichte einiger Wochen und eines Tages im australischen Winter und greift doch weit zurück bis in die Zeit vor Samuels Geburt. Dass alles, was passiert, unabsehbare Folgen für die Zukunft hat, ist dem Text eingeschrieben. Mal sind oder werden sie für alle offensichtlich wie etwa Samuels Infektion im Säuglingsalter, die zur Katastrophe führt, mal sind die Fäden feiner gesponnen: Samuels Vater, der Opernsänger Elkanah, ebenso kinderlieb wie naiv, führt durch eine Liebesnacht in Melbourne mit seiner geschiedenen Frau Pearl eine Familienkonstellation herbei, die Samuel, dem gemeinsamen Kind von Elkanah und Hannah, schon vor seiner Geburt eine weitere Halbschwester namens Theodora beschert hat, die zusammen mit ihm in Sydney aufwächst, weil Pearl sich von dem neuen Baby überfordert fühlt.

          Es braucht mehr, um eine Familie zu zerstören

          Was der enge Kontakt mit dem lebhaften Mädchen für den stillen Samuel bedeutet, lässt sich nur schwer ermessen. Und auch, ob nicht gerade dieser Kontrast die Zeichen lange überschattete, die vielleicht schon früher auf Samuels Krankheit hätten deuten können. Über diese Folie von Ursache und weitverzweigter Wirkung legt die Autorin aber eine weitere, die auf literarische Vorbilder verweist, die hier aus der Bibel stammen und sich etwa in der Namenskonstellation abbilden: Auch der Prophet Samuel des Alten Testaments hat eine Mutter namens Hanna und steht unter dem beherrschenden Einfluss seines Lehrers Eli, der wohl Pate für Dubosarskys Holocaust-Flüchtling Elias gestanden hat.

          Was bedeutet das für den Roman? Glücklicherweise nehmen die Figuren irgendwann ihr Geschick selbst in die Hand, schicksalhafte Verknüpfungen hin oder her, und setzen angesichts von Verdächtigungen, Hirngespinsten und einer faustdicken, monatelang immer neu bekräftigten Lüge auf das, was einst diese Familie zusammengebracht hat und in der Akzeptanz der unterschiedlichen Wunderlichkeiten wurzelt. Wo man sich klar darüber ist, wie man zueinandersteht, was man voneinander erwartet und was man gegenseitig bereit ist zu tolerieren, weil der andere eben so gestrickt ist, wie er ist, da braucht es vermutlich mehr als Elkanahs an den Opern des neunzehnten Jahrhunderts geschulte Phantasien, um eine Familie zu zerstören.

          Schreibend ordnet er die Welt

          Die literarische Klasse, die Ursulas Dubosarskys Erfolgsroman von 2012 besitzt, hat dieses frühere Werk noch nicht. Wo „Nicht jetzt, niemals“ mit großer Leichtigkeit elementare Fragen von Verführung und Verantwortung stellt, tut sich „Der kürzeste Tag des Jahres“ damit schwer, ein angemessenes Verhältnis von literarischer Erzählung und Gehalt zu finden.

          Immerhin bereitet die Autorin auch in diesem Roman schon früh ein Finale vor, das einen Menschen mündig werden lässt. Hier ist es Samuels Freiheit, die daraus erwächst, schreibend die Welt zu ordnen, auch gegen eine übermächtige Tradition: Aus dem Originaltitel, dem „Ersten Buch Samuel“, wird so „Samuels erstes Buch“.

          Ursula Dubosarsky: „Der kürzeste Tag des Jahres“. Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel. Ueberreuter Verlag, Berlin 2013. 154 S., br., 12,95 €. Ab 14 J.

          Quelle: F.A.Z.

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