25.01.2010 · Wenn es eng wird für den großen Adrian, dann gibt ihm sein kleiner Bruder Halt: Sverre Henmo hat einen ebenso zärtlichen wie coolen Jugendroman über das Erwachsenwerden geschrieben. Und über die familiären Folgen einer Behinderung.
Von Fridtjof KüchemannIn seinem Jugendbuch „Großer Bruder, kleiner Bruder“ geht es Sverre Henmo um die familiären Folgen der Behinderung. Es ist der große Bruder, der erzählt: Adrian studiert in Oslo, fährt Motorrad, teilt sich mit dem kruden Otto eine Wohnung, liebt die eigenwillige Vilde, was nicht immer einfach ist, sucht auf altersübliche Art nach seinem Platz in der Welt, und wenn er mal wen zum Reden braucht, dann telefoniert er am liebsten mit Tobias. Obwohl der kleine Bruder mit Down-Syndrom, der im Lauf der Geschichte achtzehn wird, ihm nie einen klugen Rat wird geben können, obwohl er im Konkreten sowieso keine große Hilfe ist und obwohl seine Geburt damals eine Kluft zwischen Adrian und seine Eltern gerissen hat, bis heute spürbar als Sprachlosigkeit und Unbeholfenheit.
Adrian liebt seinen Bruder, aber bei seinen Eltern hält er es nicht aus. Zusammen mit Otto stößt und reibt er sich an gesellschaftlichen Regeln, aber die versuchten Normverstöße seines Freundes stoßen ihn ebenso ab wie der öde Beziehungsalltag, in den Otto mit seiner Freundin Marthe gerät. In Tobias haben die beiden ohnehin ihren Meister der Unkonventionalität gefunden.
„Großer Bruder, kleiner Bruder“ ist eigentlich ein Buch über das Erwachsenwerden, in dem Tobias mit seiner Behinderung als Kristallisationskern für Adrians Konflikte wirkt und ihm zugleich heimlichen Halt gibt in seinem freien, unabhängigen, nach Kräften wilden und dabei so empfindlichen Leben. Es ist ein cooles Buch, das Sverre Henmo da geschrieben hat, lässig im Ton, in den Gesten und Gestalten. Und, in seinem Blick auf den Erzähler, ein überraschend zärtliches Buch noch dazu.