http://www.faz.net/-gr3-923o2

Davide Morosinottos Roman : Alles begann mit einem Mord

  • -Aktualisiert am

Davide Morosinotto: „Die Mississippi-Bande“. Wie wir mit drei Dollar reich wurden. Roman. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann Verlag, Stuttgart 2017. 368 S., geb., 14,99 . Ab 10 J. Bild: Thienemann

Geradlinig erzählen? Ach was! In Davide Morosinottos Roman „Die Mississippi-Bande“ berichten vier Kinder aus den Südstaaten herrlich sprunghaft von einer abenteuerlichen Reise im Jahr 1904 in den Norden.

          An Bord der Louisiana Story, ungefähr auf halbem Weg von New Orleans nach Saint Louis, ruft ein Matrose: „Mark Twain“. Er mag bestimmt Abenteuerromane, vermutet Eddie, der ängstlichste und belesenste der vier Protagonisten in Davide Morosinottos Roman „Die Mississippi-Bande“. Vielleicht habe das ja etwas mit ihnen zu tun. „Pff“, antwortet sein Freund Te Trois. Gegen sie, die titelgebende Bande, zu der außer Eddie und Te Trois noch Julie und ihr kleiner Bruder Tit gehören, sei Huck Finn ein regelrechter Abenteueranfänger: Anstatt sich mit seinem Schatz zufriedenzugeben, springt „dieser Huckleberry auf ein Floß und lässt sich vom Fluss stromabwärts tragen. Während wir stromaufwärts fahren und uns dabei sehr anstrengen müssen und je weiter wir kommen, desto schwieriger wird es.“

          Wie Eddie wenig später herausfindet, interessieren sich die Matrosen allerdings wirklich nicht für Literatur, sondern erledigen lediglich, die Tiefe des Flusses messend, ihren Job („mark twain“ bezeichnet Markierung zwei). Dass der Schriftsteller auch so hieß, bemerkt Eddie ein bisschen traurig, ist nur Zufall – einer von vielen in einem Roman voller Umwege und Ablenkungsmanöver, in dem es nicht nur gilt, Abenteuer zu erleben, sondern auch, herauszufinden, wie sie eigentlich zustande kommen. Und wie sich davon erzählen lässt. Aber von Anfang an.

          „Aber von Anfang an“ zu schreiben, also den Leser erst mit vielversprechenden Informationen zu konfrontieren und ihn dann hinzuhalten, ist auch Morosinottos Erzählstrategie. Bereits der Untertitel verspricht, der Roman werde davon handeln, wie die Freunde „mit drei Dollar reich wurden“. Das aus den Sümpfen Louisianas geborgene Geld (zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als die Handlung einsetzt, ein kleines Vermögen) geben sie allerdings sofort wieder aus, für einen Revolver aus dem Katalog des Chicagoer Versandhauses Walker & Dawn. Im allerersten Satz wiederum heißt es, „alles“ habe mit dem Mord an einem gewissen Mr Darsley begonnen, um erst mehr als zweihundert Seiten später zu erklären, was es damit auf sich hat. Dies ist kein bloßes Spannung stiftendes Manöver, sondern Morosinottos literarisches Programm: Wie soll man geradlinig erleben und erzählen, scheint er zu fragen, wenn selbst der kleinste Weg unendlich viele Möglichkeiten birgt, sich zu verlaufen, und Tage, Stunden und Minuten mal atemberaubend schnell, mal unendlich langsam vergehen?

          Im Vorbeigehen an der Erfindung des Hotdog beteiligt

          Es ist vor allem das Jahr 1904, das den Kindern das Erkunden gleichzeitig schwer und leicht macht. In ihrem heimischen Bayou von Außenwelt und Moderne weitgehend abgeschnitten, ist ihre einzige Verbindung zu beidem der Versandhauskatalog, auf dessen Umschlag ein Zug mit Volldampf den Erdball umrundet. In Wirklichkeit können sie nicht einmal einen Revolver aus Chicago bestellen, ohne dass sie befürchten müssen, dass der Briefträger, der einmal die Woche die Post bringt, das Paket verliert, es selbst einsteckt, oder sich bei den Nachbarn hoffnungslos betrinkt. Als es schließlich doch eintrifft, enthält es statt des begehrten Utensils zum Zeitvertreib ein Gerät zur Zeitmessung – eine seltene, wertvolle Taschenuhr. In der Hoffnung auf eine stattliche Belohnung wollen sie die Uhr nun persönlich bei Walker & Dawn abliefern.

          Weitere Themen

          Der gefallene Held vom Majdan

          F.A.Z.-Leser helfen : Der gefallene Held vom Majdan

          Familie war für Roman lange Zeit nur ein Wort ohne Bedeutung. Mit zwölf Jahren riss er von zu Hause aus, hauste auf der Straße. Im Kinderheim „Our Kids“ muss er mühsam lernen, Kind zu sein.

          Weltberühmter Kalender in Schwarz Video-Seite öffnen

          Pirelli-Kalender : Weltberühmter Kalender in Schwarz

          Der von Tim Walker gestaltete Pirelli-Kalender ziert dieses Jahr ausschließlich dunkelhäutige Darsteller. Models wie Naomi Campbell stellen Szenen aus Alice im Wunderland nach. Ihr zufolge handelt es sich hierbei, um ein politisches Statement. Der weltberühmte Kalender erscheint jedes Jahr und kann nicht käuflich erworben werden, sondern wird nur verschenkt.

          46 Jahre unschuldig im Gefängnis

          In Louisiana : 46 Jahre unschuldig im Gefängnis

          Die Staatsanwaltschaft hatte während des Prozesses gegen einen Afroamerikaner 1974 entlastende Beweise zurückgehalten. Jetzt wurde er freigelassen und sagt: „Ich habe vergeben und werde weiterhin vergeben.“

          Topmeldungen

          Der Tatort: Das Briefzentrum Frankfurt. Millionen echte Briefe kommen hier täglich an. Etliche Millionen wurden offenbar nur erfunden.

          F.A.S. exklusiv : Millionen-Betrug mit erfundenen Briefen

          Staatsanwälte sind einem riesigen Betrugsfall in der Deutschen Post auf der Spur. Offenbar sind hunderte Millionen Briefe abgerechnet worden, die nie geschrieben wurden und frei erfunden waren.

          Ernennung neuer Bundesrichter : Wie Trump Amerikas Justizsystem umbaut

          Von seinen Wahlversprechen hat Donald Trump noch nicht allzu viel erreicht. Aber seine Regierung verändert das Land schon tiefgreifend. Ein mächtiger Hebel ist besonders nachhaltig – und wird noch andere Präsidenten beschäftigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.