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David Almonds Kinderbuch „Mina“ : Als käme sie aus einem Traum

Bild: Ravensburger

Die Sätze in ihrem Tagebuch sind wie ein Zirkus, eine Menagerie, ein Baum, ein Nest: In „Mina“ lässt David Almond seine kindliche Schreiberin querfeldein denken, träumen, empfinden. Sein ergreifender Kinderroman vereint Unsinn mit Tiefsinn.

          Sitzt ein Kind in einem Baum. Es ist eigenwillig und kühn, philosophiert vor sich hin. Es geht nicht mehr zur Schule, die Klassenkameraden sind verunsichert, spotten und werfen mit Pflaumen nach ihm. Janne Teller hat in ihrem beängstigenden Jugendroman „Nichts“ diesen Moment vor eine Spirale seelischer Verletzungen und Vergiftungen gestellt. In David Almonds Kinderroman „Mina“ findet sich eine ganz ähnliche Szene, doch hier sitzt kein kleiner Nihilist im Baum, sondern ein Mädchen, das uns Lesern gleich mit ihrem, mit dem ersten Satz des Buchs so eigenwillig wie liebenswert erscheint: „Ich heiße Mina und ich liebe die Nacht“.

          Mina ist merkwürdig, irgendwie kompliziert. Das meint jedenfalls ihre Klassenkameradin Sophie. „Ich fühlte mich seltsam, als ob ich aus einem Traum kommen würde“, sagt sie selbst an einer Stelle. „Du bist so voller abgrundtiefer Blödheit, und du bist eine verdammte Schande!“ So hat ihre Lehrerin sie angeschrien, an jenem Prüfungstag, der ihr letzter Schultag werden sollte. Als sie, statt einen belebten Ort zu schildern, eine Seite voller erfundener Wörter abgegeben hatte: „Dussasusselasel Heddeldiduddel mogt“.

          Und nun? „Wie Sie sehen, ist Mina ein Mädchen mit eigener Meinung und eigener Haltung“, sagt ihre Mutter den beiden Leuten vom Schulamt, als sie kommen, um ihr den Unterricht zu Hause auszureden. Vergeblich.

          Tausend Wörter für Freude

          David Almonds Geschichte ist die Liebesgeschichte zwischen diesen beiden, Mutter und Tochter, und wer die Szenen tiefen Einverständnisses, gemeinsamer Träumereien und Spinnereien liest, die ebenso liebevollen wie inspirierten Gespräche der beiden, muss feststellen, dass ein solcher Ehrenplatz im Kinderkosmos, wie David Almond ihn Minas Mutter einräumt, in den letzten Jahren zumeist den Männern, Vätern, Großvätern vorbehalten war. In dieser Geschichte allerdings ist Minas Vater gestorben, als sie noch ganz klein war. Und vom Großvater ist ihr nur ein verwunschenes Haus am Park geblieben, in dem einst Studenten wohnten und jetzt Eulen nisten - keineswegs zufällig.

          Denn „Mina“ ist auch eine Liebesgeschichte zwischen freier kindlicher Phantasie, Assoziationsfreudigkeit, Neugier und den Schätzen des Wissens: „Wie kann der Vogel, zur Freude geboren, im Käfig noch ans Singen denken?“ Diesen Satz William Blakes trägt Mina im Herzen. Mit Orpheus im Kopf steigt sie an einem Tag in einen Tunnel im Stadtpark, vielleicht kann sie ja ihren Vater aus der Unterwelt zurückholen. Sie sieht in den Vögeln die Nachfahren des Archäopterix, im Teilchentanz des Staubs im Sonnenlicht die Hinterlassenschaft der Toten, sie denkt sich tausend Wörter für Freude aus, sie denkt spielerisch über Raum und Zeit. Und sie schreibt: tags auf ihrem Baum, nachts an ihrem Tisch am Fenster, durch das der Mond scheint.

          Vielleicht gehört sie eines Tages dazu

          Was wir in Händen halten, ist also ihr Tagebuch, das sie mit einem unerhörten Versprechen eröffnet: „Einige Seiten werden wie der Himmel sein, in dem ein einziger Vogel fliegt. Einige werden wie ein Himmel mit einem wirbelnden Schwarm Stare sein. Meine Sätze werden ein Gelege sein, eine Sammlung, ein Muster, ein Schwarm, eine Herde, ein Mosaik. Sie werden ein Zirkus sein, eine Menagerie, ein Baum, ein Nest.“

          „Mina“ löst es ein, dieses Versprechen, mit all den verspielt-unsinnigen Momenten, den Augenblicken großer Innigkeit und kindlicher Hellsichtigkeit in diesem Buch. Und David Almond, der im vergangenen Jahr den Hans-Christian-Andersen-Preis erhalten hat, den wohl wichtigsten Kinderbuchpreis der Welt, zeigt bei aller Vorliebe für die kindliche Freiheit und Phantasie eben auch, welchen Preis kindliche Exzentrik haben kann. Gleich neben der Trauer um ihren Vater steht die Sehnsucht nach Gleichgesinnten, das Bedürfnis der Zugehörigkeit, Minas immer wieder ernstlich unternommener Versuch, nicht anzuecken. Als sie dem Rat der beiden Beamten folgt und einen Tag in einer Schule für Kinder „mit besonderen Bedürfnissen“ verbringt, begreift sie, „dass Außenseiter auf vielerlei Art zusammenpassen konnten“, mehr noch, sie sieht zu ihrer Erleichterung, „dass ich eines Tages vielleicht zu dieser merkwürdigen Welt gehören könnte“. Bleiben kann sie dennoch nicht. Und so ist „Mina“ auch eine ergreifende Geschichte der Einsamkeit.

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