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Das Kindersachbuch „Wolken, Wind & Wetter“ Die nächsten hundert Jahre

 ·  Übers Wetter und den Klimawandel wird viel Unsinn verbreitet. Umso wichtiger ist die sachliche Darstellung. Stefan Rahmstorfs Buch kommt dem sehr nahe.

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Verursacht der Mensch mit seinen Treibhausgas-Emissionen einen globalen Klimawandel? Ist dieser Wandel schlecht? Gibt es ihn überhaupt?

Wer dazu neigt, auch nur eine dieser Fragen mit einem energischen Nein oder „Das ist doch zweifelhaft“ zu beantworten, der wird seine Kinder von dem Sachbuch „Wolken, Wind & Wetter“ vielleicht fernhalten wollen. Denn sein Autor, der Ozeanphysiker Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, ist der Lieblingsfeind sogenannter Klimaskeptiker, welche die menschengemachte globale Erwärmung bestenfalls für eine nicht ausreichend erhärtete Hypothese halten. Die Abneigung beruht ganz auf Gegenseitigkeit. Unermüdlich zerpflückt Rahmstorf in Blogs, Talkshows oder Zeitungsartikeln die Argumente der Klimaskeptiker. Nicht immer begnügt er sich dabei mit der Rolle des neutralen Sachverständigen, oft genug fordert er als aus seiner Sicht einzig mögliche politische Konsequenz eine unverzügliche Abkehr von fossilen Energieträgern und dem damit verbundenen Lebensstil.

Nach der Wärmebilanz wird es leichter

Doch auch wer die politische Seite der Klimafrage anders beurteilt, sollte sich dadurch auf keinen Fall davon abhalten lassen, Kindern mit Neugier auf Naturphänomene dieses Buch in die Hände zu legen. Denn auf die Klimadebatte kommt Ramstorf erst am Schluss zu sprechen. Ansonsten ist das Buch eine jugendgerechte Einführung in die Meteorologie und Klimaforschung - und sie ist außerordentlich gelungen.

Das beginnt beim Aufbau. Ein Jugendbuch über das Wetter mit spektakulären Phänomenen der Troposphäre wie Gewittern und Wirbelstürmen beginnen zu lassen, darauf wären vielleicht auch andere Autoren gekommen. Doch bevor Rahmstorf im dritten Kapitel zu alltäglicherem, aber lebensnahem und daher vergleichsweise leicht erläuterbarem Wettergeschehen übergeht, schaltet er bereits ein Kapitel über die Wärmebilanz der Erde ein und scheut dort auch nicht davor zurück, den ersten Hauptsatz der Thermodynamik zu benennen und zu benutzen. Wem Inhaltsverzeichnis oder Illustrationen signalisieren, dass es weiter hinten wieder einfacher wird, der ist eher auch bereit dazu, sich zwischendrin fordern zu lassen.

Schade, dass man sich das nicht alles merken kann

Und, keine Frage: Rahmstorf nimmt seine jungen Leser ernst. So weigert er sich, umständliche - und daher langweilige - Umschreibungen zu konstruieren, um nur ja keine Fachwörter zu nennen. Wenn etwas wichtig ist, wenn es gar ein Schlüsselbegriff ist wie „Klimasensitivität“, dann verwendet er den Terminus auch - selbstverständlich nicht, ohne ihn klar und doch ohne Weitschweifigkeit zu erklären. Oft sind diese Erklärungen geschickt auf die Zielgruppe abgestimmt, etwa wenn der Unterschied zwischen Anfangsbedingungen und Randbedingungen mit dem zwischen Kontostand und Höhe des Taschengeldes erklärt wird.

Auch nennt Rahmstorf nicht wenige Zahlen, gerne auch als Zehnerpotenzen. Aber fast immer macht er sie dann durch Vergleiche begreiflich, unter denen man sich wirklich etwas vorstellen kann. Auch wenn es recht viele numerische Werte sind, die er referiert, so ist keiner darunter, der nicht interessant oder illustrativ wäre. Am Ende bedauert man nur, dass man sie sich nicht alle merken kann.

Sie dreht sich einfach nicht besonders weit

Gewiss, Rahmstorf präsentiert seinen Stoff dabei in klassischer Frontalmethode. Alternative Sachtextformen wie Dialoge oder Geschichten würde man bei ihm vergeblich suchen, aber man vermisst sie auch auf keiner Seite. Die Tatsachen und Zusammenhänge sind viel zu interessant, als dass sie erzählerische Mätzchen nötig hätten. Vor allem in den ersten Kapiteln geht der Autor sehr oft von Fragen aus, die ein jugendlicher Leser zu einem Sachverhalt haben könnte. Keine davon lässt er unbeantwortet, und er korrigiert falsche Vorstellungen oder Erklärungen, von denen gerade beim Thema Wetter und Klima nicht wenige kursieren, zuweilen sogar im Physikunterricht.

Rahmstorf legt ausdrücklich Wert darauf, dass das Werk „kein Physikbuch“ sein soll, was es tatsächlich auch nicht ist. Trotzdem gelingt es ihm in mitunter genialer Weise, seinen jungen Lesern ganz beiläufig physikalisches Denken vorzustellen. So widmet er etwa einen seiner zahlreichen Textkästen der oft kolportierten Meinung, auf der Südhalbkugel wirbele das Badewasser andersherum durch den Abfluss als auf der Nordhalbkugel - weil doch Windströmungen auch je nach Hemisphäre durch die Erdrotation unterschiedlich abgelenkt würden. Rahmstorf widerspricht, indem er die relevanten Skalen vergleicht: „Um die Erdrotation zu spüren, muss eine Strömung schon einen nicht zu kleinen Bruchteil eines Tages in eine Richtung fließen - in einer Minute dreht die Erde sich einfach nicht besonders weit.“

Er ist ja auch kein Paläontologe

Den Physiker merkt man Rahmstorf ebenfalls an, wo es um die Regel geht, nach der Morgenrot schlechtes, Abendrot aber gutes Wetter ankündigt. Physiker hassen es, Regeln einfach nur auswendig zu lernen. Also wird der Grund für die prognostische Kraft rot beleuchteter Wolken so erklärt, dass man sich gar nicht merken muss, wie herum der Merkspruch richtig ist. Wer das Argument verstanden hat, kann sich die Regel jederzeit neu ableiten.

Wie bei den anderen Büchern aus der „Kinder-Uni“-Reihe wird dieses Primat der Zusammenhänge vor bloßen Wissenshappen auch hier von zahlreichen Illustrationen Klaus Ensikats unterstützt. Man muss kein Anhänger seines Zeichenstils sein, um ihn den quietschbunten Bildern in heterogenem Layout vorzuziehen, die in so vielen Jugendsachbüchern vorherrschen. Die abwechslungsreiche Gediegenheit der Bebilderung passt auch gut zu Rahmstorfs Sprache, die nur selten über die Stränge schlägt und sich eines imaginierten flotten Jugendjargons bedient. Das wäre denn auch schon die größte Schwäche der vorderen sechs Kapitel, sieht man davon ab, dass an einer Stelle der Anstieg des Sauerstoffgehalts der Erde vor 500 bis 600 Millionen Jahre mit dem erstmals massenhaften Auftreten der Landpflanzen erklärt wird. Die frühesten Landpflanzen sind aber erst im Zeitalter des Ordoviziums vor rund 480 Millionen Jahren nachweisbar, und auch erst Spuren davon - aber Rahmstorf ist ja auch kein Paläontologe.

Forscher oder Aktivist?

Wenn man aber einen ernsteren Grund sucht, mit Rahmstorfs Wetter- und Klimakunde für junge Leser unzufrieden zu sein, dann findet man ihn allenfalls im letzten Kapitel über die Folgen des Klimawandels und die Möglichkeiten, ihn abzuwenden. Sein Titel „Die nächsten hundert Jahre“ ist als einzige der sieben Kapitelüberschriften nicht als Frage formuliert. Tatsächlich spricht hier nicht mehr der Klimaforscher, sondern der Klimaaktivist. Die Legitimität dazu kann man ihm natürlich nicht absprechen, zumal sein Ton ungleich maßvoller ist als jener, den viele Klimaskeptiker pflegen. Die Frage dabei ist aber nicht erst die, ob ein Jungendsachbuch ein geeigneter Ort für Appelle an die Gesellschaft ist und ob den Lesern nicht die Freude an der erlebten Entdeckung von Zusammenhängen gleich wieder vergällt wird, wenn sie oder er sich in den Dienst einer „Sache“ gestellt sieht. Die Frage ist auch, ob der Aktivist dem Sachbuchautor in die Quere kommen könnte.

Ein wenig manifestiert sich dieser Konflikt in einem Textkasten, nach dem der Weltklimarat IPCC 2007 zu dem Schluss gekommen sei, dass bestimmte Wetterextreme „weltweit in den letzten Jahrzehnten wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich“ zugenommen hätten. Über die Kontroverse zu diesem Punkt erfährt der Leser indes nichts. Wäre die zu schwierig für ihn? Warum dann der Kasten?

Andererseits ist die Mission, die den Autor offenkundig umtreibt, an den großen Qualitäten dieses Buches vielleicht nicht ganz unschuldig. Die ständige Auseinandersetzung mit physikalisch halbgebildeten Hobby-Klimatologen, die in den Foren und Kommentarspalten im Internet die Klimaskepsis pflegen, dürfte Rahmstorfs didaktisches Geschick vorzüglich trainiert haben.

Stefan Rahmstorf: „Wolken, Wind & Wetter“. Mit Bildern von Klaus Ensikat. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011. 223 S., geb., 19,99 [Euro]. Ab 12 J.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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