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Das Kinderbuch „My first Kafka“ : Ist Kafka wirklich schon etwas für Kinder?

  • -Aktualisiert am

Bild: One Peace Books

Als Gregor Samsa vor Lachen einmal fast von der Decke fiel: Angenehm behutsam macht „My first Kafka“ von Matthue Roth und Rohan Daniel Eason schon Achtjährige mit dem Dichter vertraut.

          Eine kleine Ausreißerin flieht in den Wald und macht dort Bekanntschaft mit einer Monsterbande in Phantasieuniform. Ein Nagervolk schart sich um eine Mäusesängerin mit zweifelhaftem Talent. Ein ungeheures Ungeziefer beginnt nachzudenken. Selbst die eigentümlichsten Unwahrscheinlichkeiten vermögen im Kinderbuch kaum zu verwundern. Doch der Vielfüßler in Matthue Roths neuestem Werk ist besonders für erwachsene Leser ein alter Bekannter, seit knapp hundert Jahren kriecht er schon durch die Weltliteratur.

          Franz Kafka erfand einst Gregor Samsas Geschichte, und in „My first Kafka“ erzählt Roth sie nun nach. Er präsentiert insgesamt drei Erzählungen des Prager Autors in achtsamer Bearbeitung für junge Leser, die auch eine zweite und dritte Kafka-Lektüre bereichern mag. Für seine erste Geschichte wählt Roth die Textminiatur „Der Ausflug ins Gebirge“, erstmals 1913 in Kafkas früher Sammlung „Betrachtung“ erschienen, als Vorlage. Dort klagt der Ich-Erzähler über Verlorenheit trotz Gesellschaft und phantasiert über einen Ausflug ins Gebirge mit jenen „Niemanden“, von denen er sich gleichzeitig umgeben und verlassen fühlt. Aus Kafkas klarer Prosa wird in Roths Nacherzählung durch die Anordnung in gleichmäßige Verse Lyrik - und zwar völlig unangestrengt: „I’ve done nobody any harm / Nobody’s done me any harm. / But nobody will help me“, so klagt die Stimme.

          Bei Kafka anonym, geschlechts- und alterslos, entpuppt sie sich in Rohan Daniel Easons Illustrationen als kleines Mädchen, das allein gelassen in die hohen Berge hineinruft. Auch die „Niemande“ werden greifbar: Stecken sie bei Kafka noch im Frack, sind sie bei Roth und Eason mystische Wesen mit langen Nasen, spitzen Eckzähnen und Krokodilsfüßen, die einander und dem Mädchen Geborgenheit geben, indem sie ihre Schnörkelmusterkörper aneinander schmiegen. Ausgestattet mit einer kindlichen Protagonistin und Illustrationen, die dem Text ebenbürtig sind und ihn zugleich entschlüsseln, verwandelt sich Kafkas kryptischer „Ausflug ins Gebirge“ in ein puristisches Märchen, an dessen Ende sich die Gruppe zusammenreißen muss, um nicht lauthals zu singen.

          Mit ebenso viel Behutsamkeit, aber größerer Nähe zum Urtext, nehmen sich Roth und Eason auch der „Verwandlung“ an. Das Zusammenspiel filigraner Linien und tintenkleckshafter Flächen in Easons Illustrationen erweckt Gregors Käferkopf (samt Schlund, Fühlern und pechschwarzen Augen) zum Leben. Überall macht sich das Käfersein breit, sogar auf der Tapete in Gregors Zimmer wimmelt es von Insekten. Ein wesentlicher Aspekt des Originals wird so überdeutlich: die Realität der Metamorphose.

          Seine Perspektive hat immer etwas Kindliches

          Dass der Leser aufgrund der zentralen Bedeutung dieser Zeichnungen stets auf eine einzige Erzählperspektive beschränkt bleibt, beraubt zwar den Text seiner charakteristischen Offenheit. Weder wird dies jedoch zum Verhängnis, noch macht es die Geschichte einfacher zu ertragen. So kleben wir, in der Mitte des schmalen Buches angelangt, mit Gregor an der Decke, der beim Klettern ungeahnte Fröhlichkeit entdeckt. Es ist seine vom Boden aus entsetzt dreinblickende Schwester Grete, die auf dem Kopf steht - wie die Moral der restlichen Familie Samsa. Ungeheuer oder nicht, die Sympathie ist immer beim Ungeziefer.

          In seiner Furchtlosigkeit, in die unheimliche Nähe zum Originaltext zu treten, um sich anschließend wieder von ihm zu entfernen, ermöglicht dieser kleine erste Kafka einen Zugang zum großen. Dass eine Lektüre von Kafkas Werk gar von einer Betrachtung aus der Kinderperspektive profitieren mag, ist nicht unwahrscheinlich, setzen sich Kafkas Helden, von Georg Bendemann im „Urteil“ über Karl Rossmann in „Der Verschollene“ bis hin zu Gregor Samsa, doch allesamt auf eine Weise mit Hierarchie, Einsamkeit und Macht auseinander, die gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit ihrem Status als Kind bedeutet. Ihre erste Einsamkeit erfahren sie in der Familie, ihr erstes Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Vater. Die Frage nach der Tauglichkeit des Stoffs für den kindlichen Leser erübrigt sich demnach. „Ich werde nie das Mannesalter erleben“, soll er seinem Freund Max Brod gegenüber bemerkt haben, „aus einem Kind werde ich gleich ein weißhaariger Greis werden.“

          Mathue Roth, Rohan Daniel Eason: „My first Kafka“. One Peace Books, Long Island City (NY) 2013. 32 S., geb., ca. 13,80 €. Ab 8 J.

          Quelle: F.A.Z.

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