Home
http://www.faz.net/-gr5-14g70
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Das Jugendbuch „Ismael und der Auftritt der Seekühe“ Quetsch den Tag aus

07.12.2009 ·  Ismael ist wieder da: Diesmal erzählt der inzwischen Fünfzehnjährige von den ersten Liebeswirren seines Freundeskreises, der noch mit allerhand anderen Fährnissen zu kämpfen hat. Ohne freilich die Stärke des ersten Bandes zu erreichen.

Von Eva-Maria Magel
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ismael, mittlerweile in der neunten Klasse des St. Daniel's Boys College, kann sich zwar noch einigermaßen vorstellen, dass seine Eltern ihn mögen, sogar seiner genialen kleinen Schwester Prue traut er das gerade so zu. Aber Kelly Faulkner, die schöne Kelly mit den eisblauen Augen?

Schließlich ist Ismael davon überzeugt, der einzig existierende Patient des Ismael-Leseur-Syndroms zu sein - einer Krankheit, die ihr Opfer zum Volltrottel macht. Oder, wie Ismael sagen würde, „beliebt wie eine verwesende Leiche“. Es ist allerdings auch unübersehbar, dass Ismael zuweilen Dinge widerfahren, die, zumindest von außen betrachtet, schon so wirken, als wäre er ein ziemlicher Idiot. Die Sache mit dem Orangensirup im Wasser zum Beispiel, die alle Welt denken lässt, er habe den Pool mit der Toilette verwechselt. Oder die Sache mit Kellys Tagebuch - da ist Ismael wirklich ein Idiot. Aber einer, der das sofort bemerkt, schließlich ist Ismael neben allem anderen auch noch warmherzig und grundsympathisch. Begleitet von den schlagfertigen Kommentaren seiner Freunde Razza, Scobie und Ignatius berichtet er erfrischend komisch von seinen Erlebnissen, bis endlich der Auftritt der „Seekühe“, der Band von Ismaels Vater, über die Bühne gegangen ist.

Ein schonungslos ehrliches und ironiebegabtes Formulierungsgenie

Man muss Michael Gerard Bauers ersten Band „Nennt mich nicht Ismael!“ nicht gelesen haben, um in das Leben seines nun fast fünfzehn Jahre alten antiheldischen Ich-Erzählers einzutauchen. Wer Ismaels Abenteuer aus dem Vorjahr allerdings kennt, kommt nicht umhin, an einigen Stellen von „Ismael und der Auftritt der Seekühe“ enttäuscht zu sein. Zwar erweist sich Ismael wieder als mit sich selbst schonungslos ehrliches und höchst ironiebegabtes Formulierungsgenie. Hauptsächlich erzählt er diesmal von den ersten Liebeswirren des kleinen Freundeskreises, der - das Leben eines pubertierenden Jungen ist hart - noch mit allerhand anderen Fährnissen zu kämpfen hat. Und auch die Lehrer sind gegen das Herzensvirus nicht ganz gefeit. „Carpet dinkum!“ - Razza mag das Motto aus dem „Club der toten Dichter“ nicht ganz verstanden haben, seine Übersetzung aber passt allemal zu einem bewegten Schuljahr: „Quetsch den Tag aus!“

Doch wo im ersten Band die eingestreuten Zitate aus Melvilles „Moby Dick“, dem Ismael seinen Namen verdankt, für geistreiche Bezüge sorgten, sind die den Kapiteln vorangestellten etwas holprigen Songtexte der „Seekühe“ nur ein schwacher Ersatz. Und so ganz will es Bauer nicht gelingen, all seine Handlungsstränge unterzubringen, vieles wirkt wie angeknabbert liegengelassen. Da bleibt nur die Hoffnung auf den nächsten Band, denn der Australier Bauer, einstiger Englischlehrer, wirft einen originellen Blick in die Welt eines pubertierenden Jungen, ohne je besserwisserisch oder öde zu werden - und verschafft auch Mädchen auf ziemlich lustige Weise die Gelegenheit, das merkwürdige Verhalten gleichaltriger Jungs zumindest ansatzweise zu verstehen. Wiewohl es unzweifelhaft ein Jungensbuch ist, das Bauer geschrieben hat: Nur wenige weibliche Wesen würden wohl vierzehn Seiten Text der Beschreibung eines Fußballspiels widmen.

Michael Gerard Bauer: „Ismael und der Auftritt der Seekühe“, übersetzt von Ute Mihr. Hanser Verlag, München 2009. 313 S., geb. 14,90 [Euro]. Ab 12 J.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel