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Das Bilderbuch „Oma, Emma, Mama“ : Gemeinsam in die Schneckenfelsenhöhle

Bild: Atlantis

Unter Chamäleons: Lorenz Pauli und Kathrin Schärer zeigen in einem großartigen Bilderbuch, wie sich Oma und Enkelin beim Versteckspiel näherkommen. Und gemeinsam sogar die Generation zwischen ihnen verstehen.

          Emma rollt die Augen. Und wer könnte die Augen besser rollen als ein Chamäleonmädchen: „Wenn ich eine Idee habe, dann macht niemand mit“, klagt sie, „und wenn ich etwas alleine machen will, dann darf ich nicht. Und wenn ich etwas sage, dann glaubt man mir nicht, und wenn ich etwas will, dann bekomme ich es nicht.“

          Wer könnte Emmas Lage besser verstehen als ihre vielleicht fünfjährigen Leser, die sich genauso an den Grenzen von Bereitwilligkeit und Zutrauen der Erwachsenen mit ihren zuweilen undurchschaubaren Vertröstungen und Verboten stoßen. Kein Zweifel: Es ist ein großes Thema, das Lorenz Pauli und Kathrin Schärer auf der zweiten Doppelseite ihres neuen Bilderbuchs „Oma Emma Mama“ anklingen lassen, als die Großmutter zuerst nicht mit dem Kind Verstecken spielen will.

          Und es wird sogar noch größer. Aber das erst zum Schluss. Zunächst einmal schafft es Emma in ihrer Empörung, die Oma umzustimmen, und während die alte Chamäleondame in aller Ruhe bis vierzig zählt, probiert und verwirft Emma ein Versteck nach dem anderen. Im altbewährten Stinkblütenstrauch würde sie sofort gefunden werden. Bei den Fledermäusen ist es zu unbequem, die Igelmäuse sind zu stachelig, das Lemurenbaby fürchtet sich vor ihr, als Emma sich daneben in den Arm der ebenfalls großäugigen Mutter drängt, und vor dem ungehaltenen Krokodil fürchtet sich Emma selbst.

          Für die Illustratorin Kathrin Schärer, deren gleichfalls wunderbares Bilderbuch „Johanna im Zug“ für den diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, sind diese Stationen schönste Gelegenheiten zu leichthändigen, lebendigen Tierstudien in der ihr eigenen Art zwischen Überzeichnung und Reduktion.

          Auch Oma hat Grund zur Klage

          Solange sie sucht, kommt die Großmutter einfach nicht auf den kleinen Spalt im Schneckenfelsen. Erst als ihre Tochter, Emmas Mama, nach ihr ruft und sie ermahnt, doch nicht alleine wegzugehen, erst als sich die Großmutter trotzig selbst verstecken will, kriecht sie hinein. Und es kommt zu einem doppelten Schulterschluss über Generationen hinweg: wegen der Enge - und weil Emma erstaunt feststellt, dass auch ihre Oma Grund zur Klage hat: „Könntest du auch viel mehr, als Mama dir zutraut?“

          Das ist, in Unbeschwertheit, Zärtlichkeit, Vertrauen, ein ergreifender Moment, und er wird zum großen Augenblick: auf der einzigen farbig grundierten Seite des Buchs, wenn am unteren Seitenrand die Gesichter der beiden, kaum eine Chamäleonkralle weit voneinander entfernt, versonnen wie Raffaels Engel auf das Text gewordene Gespräch und die Gedanken über ihnen schauen.

          Ein Sehnsuchtsbuch

          Großmutter und Enkeltochter gelingt nicht nur eine köstliche Komplizenschaft über zwei Generationen hinweg, sie entziehen sich nicht lediglich gemeinsam der besorgten Mutter. Sondern sie werfen, bei allem Unmut, einen liebevollen Blick auf die Mahnende, Suchende. „Meist weiß sie es auch wirklich besser, und sie kümmert sich gut um uns beide“, gesteht Oma freimütig ein, und als sie zu bedenken gibt, was wohl wäre, wenn Mama die Suche irgendwann aufgeben und die beiden einfach vergessen würde, muss Emma leise lachen: unvorstellbar!

          Also geben sie sich zu erkennen und rücken noch näher zusammen, damit auch für Mama Platz ist in der Höhle. Also setzen sie ihr dann auch noch Omas Brille auf und drücken ihr Emmas Puppe in den Arm, um Oma, Mutter und Kind zu spielen. Und Mama ist Oma und Kind.

          „Oma Emma Mama“ ist ein wunderbares Bilderbuch über Freiheit und Fürsorge. Und es ist ein Sehnsuchtsbuch für eine Instanz im Leben der Kinder, die das Wissen und die Erwägungen Erwachsener mit der Freiheit verbindet, nicht im Kleinklein des Erziehens an Gelassenheit zu verlieren. Für Großeltern, die mit ihren Enkeln auch den Alltag teilen können und es so nicht immer wieder schwer haben, ins Vertrauen oder auch in eine Verschwörung gezogen zu werden. Für Großeltern, die nicht Autostunden entfernt leben, sondern nebenan, um die Ecke oder im selben Stinkblütenstrauch.

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