23.12.2009 · Symbole soll man nicht erklären, weiß Henriette Sauvant. Also illustriert sie Linard Bardills „Die Rose von Jericho“ so listig wie anspielungsreich. Und erschafft dabei ein wunderbares Bilderbuch.
Von Silja von RauchhauptHier geht es um Erhabenes, ums Wesentliche, die Quintessenz. Diesen Anspruch erhebt schon der aufwendige Einband des Bilderbuches „Die Rose von Jericho“ mit seinen in Gold geprägten Symbolen. Auch Linard Bardills legendenhafte Geschichte zielt aufs große Ganze: Ein Königssohn wird von seinem alternden Vater ausgeschickt, das Stärkste zu finden, das es auf der Welt gibt. Er begegnet auf seiner Suche den vier Elementen. Doch nicht Feuer, Wasser, Luft oder Erde bringt der Junge zurück, sondern ein kleines vertrocknetes Bündel: eine Wüstenblume, die lange ohne Wasser auskommen kann, aber aufblüht, wenn sie mit Wasser in Berührung kommt. Dafür sorgen die Tränen des Prinzen, es kommt zu der hygroskopischen Verwandlung, die ihn erkennen lässt, dass diese Blume das Stärkste ist, was zu finden war.
Die Rose von Jericho (Anastatica hierochuntica) gibt es wirklich, und Bardill ist nicht der erste Autor, der eine Legende um sie verfasst hat. Hier aber wird ihre Rolle als Symbol für Christus und die Auferstehung für Henriette Sauvant zum Sprungbrett, die Geschichte mit zahlreichen bildlichen Hinweisen auf Wiedergeburt und Auferstehung nicht nur zu illustrieren, sondern auf subtilste Weise weiterzuführen.
Nicht surrealistisch, sondern allegorisch
Das fängt bei Sauvants Malstil an, der an die Renaissance erinnert und somit an eine Wiedergeburt der Antike. Sogar die Maltechnik hat die Anmutung von Freskomalerei, der Farbauftrag ist leicht durchschimmernd und wirkt so rauh, als ob der Untergrund eine Mauer wäre. Auch die Darstellung des Königssohns, vor allem sein Gesicht, erinnert an Porträts von Tizian. Das kleine Pelztierchen, das ihm auf Schritt und Tritt folgt, ist ein Hermelin, wieder ein altes Symbol für die Wiedergeburt, für Christus, und bekannt aus dem berühmten Gemälde Leonardo da Vincis.
Auch wenn die Darstellung vor allem der Landschaften eher an surrealistische Malerei erinnert: Die Bildsprache ist nicht surrealistisch, sondern allegorisch. Wer möchte, findet noch mehr klassische Symbole und Allegorien in den Bildern. Auch der Umgang mit Perspektive ist symbolisch aufgeladen: Der Thron des Königs steht mitten in einer kargen Landschaft, der Palast ist im Hintergrund zu sehen, streng zentralperspektivisch. Die Bäume jedoch sind, ob weit weg oder nah, gleich groß dargestellt. So wirkt der Thron des Königs riesenhaft und zeigt dadurch ganz deutlich seine Macht: ein wirksames Darstellungsmittel der Zeit vor der Renaissance.
Ihrem Werk hätte sie nicht besser dienen können
Wenn der Königssohn im Laufe seines Abenteuers immer wieder von Herbstblättern umweht wird, ahnt man, dass das etwas mit dem König zu tun hat, der alt geworden ist und den reisenden Sohn im Geiste begleitet. Das Feuer schließlich erscheint als fliegender Ofen, eine Mischung von Baba Jaga und dem Pudel aus dem „Faust“. Die Doppelseitigkeit des Bilderbuches wird effektiv eingesetzt: Der Hintergrund der linken Seite ist weiß, die rechte Seite, auf der das Feuer tobt, ist durchweg farbig, als verbindendes Element ragen Streichhölzer in verschiedenen Stadien der Verbrennung in die Höhe wie ein Lattenzaun von links nach rechts.
Die Allegorien, die Sauvant findet, gehören zu den Stärken dieses Buches, und auch in der Frage, wofür die Rose von Jericho in diesem Zusammenhang stehen mag, legt sie Spuren, ohne sich zu einer dogmatischen Setzung hinreißen zu lassen. Ihrem Werk hätte sie nicht besser dienen können.