17.03.2011 · Gibt es ein Leben vor dem Tod? Rotraut Susanne Berner und Jürg Schubiger eröffnen in ihrem Bilderbuch „Als der Tod zu uns kam“ einen völlig neuen Zugang zum Thema.
Von Silja von RauchhauptVon Eltern versuchen, ihre Kinder vor allen unangenehmen oder traurigen Ereignissen zu schützen, und Kinder unterlaufen das mit bohrenden Fragen - so ist das im Normalfall. Natürlich gilt das auch für das Thema Tod, und weil Eltern damit meist selbst nicht besonders gut umgehen können, gibt es inzwischen eine Vielzahl an Kinderbüchern, die sich damit beschäftigen. Erklärungsversuche bewegen sich gern zwischen „dein Hund war zu müde zum Leben“ oder „Opa ist bei Gott“. Doch was, wenn der kleine Bruder stirbt, der Tod einfach kommt, wie er eben oft kommt: unerwartet und aus heiterem Himmel?
Rotraut Susanne Berner und Jürg Schubiger eröffnen in ihrem Bilderbuch „Als der Tod zu uns kam“ einen völlig neuen Zugang zum Thema. Es beginnt mit einer liebevoll gestalteten Dorfansicht, die den Wimmelbüchern oder Geschichten wie „Karlchen“ ähnelt, durch die Berner so berühmt geworden ist. Hier aber ist die Gestaltung anders. Zwar bleibt Berner ihrem Stil treu, die Konturen sind klar, die Farben auch, alles ist gut erkennbar. Auffallend sind hier aber die symbolischen Verzerrungen der Größenverhältnisse, etwa die riesige Heckenrose, die am Anfang vignettenhaft neben dem Mädchen und ihrem kleinen Bruder aufragt. Am Ende ist die Blüte zur überdimensionalen Hagebutte geworden, und dasselbe Mädchen steht darunter, diesmal ohne Bruder.
Berner legt weit mehr Ausdruck in die Gesichter als in ihren bisherigen Büchern. Leid und Trauer, Entsetzen, aber auch Hoffnung und Trost werden deutlich gezeigt. Diese Ausdruckskraft ergreift, ohne je sentimental zu sein. Der Text von Jürg Schubiger ist ebenso klar, er erzählt stringent und ohne falschen Ton. Ein Mädchen berichtet, wie der Tod in ihr Leben kam: „Es gab eine Zeit, da kannten wir nicht einmal seinen einfachen Namen. Tod? Nie gehört.“
Niemand hat Schuld, nicht einmal der Tod
Das Besondere ist, dass der Tod hier als Figur auftaucht, ganz konkret, mitsamt staubigen Füßen, zerlöcherter Hose, vergrämtem Gesicht. Er kommt, stolpert, und alle lachen erst einmal, denn sie begreifen noch nicht, wer er ist. Kinder und Erwachsene machen ihn nach und staunen, dass sie sich dabei die Knie und die Nasen blutig schlagen. Der Tod ist kein Kinderspiel, er ist wirklich und unvermeidlich.
Doch er ist nicht böse. Dieser Tod ist selbst sehr unglücklich über das, was er anrichtet. Als der kleine Bruder stirbt, nimmt der Tod ihn in den Arm und weint. Niemand hat Schuld, nicht einmal der Tod. Er ist ein Naturereignis wie Gewitter oder Regen, und so begleiten ihn auch schwarze Wolken und Pfützen auf Schritt und Tritt.
Als der Tod das Dorf verlässt, ist einiges anders geworden. Nicht nur, dass es nun ein Grab im Dorf gibt, nein, es gibt auch Zäune, ein Krankenhaus, die Brücke hat ein Geländer bekommen. Die heile Welt gibt es nicht mehr. Doch das Leben gewinnt an Bedeutung.