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Veröffentlicht: 07.02.2014, 16:12 Uhr

„Das Beste überhaupt“ von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer Das philosophische Meerschwein

Muss man immer und überall der Beste sein? Lorenz Pauli und Kathrin Schärer nehmen sich in ihrem neuen Bilderbuch der Frage an.

von
© Verlag

Meerschweinchen sind eine Familie aus der Ordnung der Nagetiere. Insoweit sind die grundlegenden Fragen (Wohin soll die Reise gehen? Was bleibt? Geht da noch was?) für diese wischmoppartigen Wesen schon abschließend geklärt. Sollte man meinen.

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Identitätsprobleme sind aber kein menschliches Privileg, sondern setzen dem Nagetier nicht minder zu, nur anders. Das entnimmt man dem sehr lakonischen Buch „Das Beste überhaupt – Meerschwein sein“ von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer. Es ist kein Buch, das ein Biologiebuch ersetzen könnte. All die Fakten, Fakten, Fakten, die sich im Biologiebuch über das Meerschwein finden lassen, werden hier nicht in Abrede gestellt. Dass dieses Tier hierzulande mit Kindern spielt, während es in Südamerika gegessen wird, dass es sich seinerseits von Früchten, Gräsern und Samen ernährt und zu den wenigen Wirbeltieren gehört, die das wichtige Vitamin C nicht selbst produzieren können – all dies bestreiten Lorenz Pauli und Kathrin Schärer nicht, es interessiert sie aber auch nicht weiter.

Wie ist es, ein Meerschwein zu sein?

Sie achten auf das Meerschwein unter dem Gesichtspunkt seines Seins – deshalb heißt ihr Buch im Untertitel ja auch „Meerschwein sein“ – und all das, was über das Sein dieses Tieres hier im Speziellen zusammengetragen wird, ließe sich auch unter der Überschrift „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ unterbringen. Das Schöne an Seinsfragen ist der offene Raum, in dem sie sich stellen, mit anderen Worten: Nichts muss, alles kann. Darin liegt der Riesenunterschied zum Biologieunterricht, wo es richtig und falsch gibt und das Wesentliche über das Meerschwein schon gesagt ist, wenn man nur sagt: Meerschweinchen sind eine Familie aus der Ordnung der Nagetiere.

Seinsmäßig gesehen, ist solche Abfragerei natürlich dürftig, weil sie ja keine Antwort auf die Frage zulässt, wie es sich anfühlt, ein Meerschwein zu sein. Ebendieser Frage stellt sich in dem Buch von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer das Meerschwein Miro. Selbstreflexiv geht es zu Werke, während es seine Höhen und Tiefen durchlebt, was so viel heißt, dass Miro sich auf alles, was ihm zustößt, einen Reim macht, statt die Welt nur durch die Vitamin-C-Brille zu sehen, wie es im Biologiebuch steht. Vierzig Jahre nach Erscheinen des Essays „Wie es ist, eine Fledermaus zu sein?“ (What is it like to be a bat?), mit dem der Philosoph Thomas Nagel die weitverzweigte Qualia-Debatte eröffnete, wird die What-is-it-like-Frage nun also aufs Meerschwein Miro übertragen.

Meerschwein ohne Eigenschaften

Wir schauen bei einem Prozess der Selbstverständigung zu, sehen uns satt an dem vielsagenden Augenspiel dieses Tieres – Augen, die mal stutzig, mal gütig, meistens aber bange aus dem Fell schauen, ja, ein regelrechtes Spektrum der Bangigkeit öffnet sich in den Augen von Miro und seinen mit ihm durchs Buch springenden Artgenossen, von bloßer Beklommenheit bis hin zu schierem Entsetzen und einmal auch, beim Sprung über den Bach: Augen zu und durch. Meerschweinsein, das ist, keine Frage, verängstigt sein. Eher instinktreduziert, begegnen wir hier einem Mängelwesen, das alle Krallen voll damit zu tun hat, den Widrigkeiten der Außenwelt mit Übersicht zu begegnen und mit großen Augen irgendwie durchzukommen.

Dabei werden jede Menge falsche Erwartungen aufgebaut, weniger von den Mittieren um Miro herum, als von dem eigenen Meerschweinsein. Erwartungen, die sich auf irgendein besonderes Merkmal beziehen, eine ausgefallene Fähigkeit, um unter allen anderen Tieren herauszuragen und so – und nur so – sich als jemand Bestimmtes fühlen zu können. Miros Misere im Originalton: „Wenn ich das größte von allen Meerschweinen wäre, dann würden mich alle kennen. Aber ich bin nicht groß. Schon gar nicht das größte. Wenn ich das kleinste von allen Meerschweinen wäre, würden sich alle um mich sorgen. Aber ich bin nicht klein. Schon gar nicht das kleinste. Ich bin mittendrin. Wenn ich etwas besonders gut könnte, wäre auch alles klar: Wenn ich das schnellste Meerschwein wäre. Oder wenn ich ganze Lieder pfeifen könnte. Oder wenn ich besonders gut zählen könnte. Aber ich bin einfach mittendrin.“

Er hat sein Mittendrin gefunden

Miro durchlebt einen Bildungsroman: Anfangs meint er noch, über jedes Stöckchen, das man ihm hinhält, springen zu sollen, um nur ja zum „besten Meerschwein überhaupt“ gewählt zu werden (einmal jährlich sind die Wahlen zu diesem Titel, der Gewinner muss zwölf Monate lang bis zur nächsten Wahl auf dem Gewinnerstein hoch oben auf der Klippe sitzen – naturgemäß eine sehr dusselige Prämie, dazu angetan, das Leistungsprinzip von Grund auf in Frage zu stellen).

Am Ende wird Miro gerade deshalb zum besten Meerschwein überhaupt gewählt, weil es das überkandidelte Erwartungsspiel nicht mitspielt, sondern einfach immer „mittendrin“ bleibt (in der Meerschweinchenhorde, aber im Grunde natürlich: in seiner eigenen Mitte) und genau aus diesem Grund den anderen der liebste Freund ist. Was Miro zunächst für seine Schwäche hielt, fühlt sich schließlich als Stärke an.

Vom Getriebenen zum Jemand

Ob das Meerschwein auf seiner langen Wanderung zu sich selbst (vorderhand: zum Gewinnerstein) nun einen Bach mit rutschigen Steinen und Wurzeln überquert, sich durchs Gestrüpp zwängt oder einen Bogen um einen schlafenden Jaguar schlägt: stets erweist sich das „mittendrin sein“ als evolutionärer Vorteil. Anders gesagt: Absturz droht nur bei Verlust der Mitte.

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Dieses Meerschwein ist kein Getriebener mehr, es ist ein Jemand geworden – und damit geglücktem Menschsein zum Verwechseln ähnlich. Vielleicht ist das auch jener Zug, der Miro von den vielen anderen Meerschweinen unterscheidet, die aus Platzmangel in diesem Buch nicht auftauchen. Wer weiß schon, wie es sich anfühlt, das Meerschweinsein da draußen, mirolos?

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