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Cornelia Funkes „Reckless - Steinernes Fleisch“ : Grimms Märchenland ist abgebrannt

„Reckless” ist Auftakt zu einer Reihe, in der sich Cornelia Funke mit Märchentraditionen auseinandersetzt Bild: dpa

In ihrem Roman „Reckless - Steinernes Fleisch“ lotet die Erfolgsautorin Cornelia Funke die finstere Dimension der Märchen aus und gibt ihnen eine modernere Bedeutung. Daraus bezieht das Buch seine immense Faszination.

          Das Schloss, die Dornenhecke, der Turm, das Bett, die Prinzessin: Alles ist so, wie man es erwarten könnte, und doch ist alles schrecklich verkehrt. Denn seit der Fluch der dreizehnten Fee Dornröschen in den Tiefschlaf beförderte, sind nicht hundert, sondern zweihundert Jahre vergangen, in denen kein Prinz den Weg hierhergefunden hat. So kommen die späten Besucher nun an ein paar dornenüberwachsenen Leichen vorbei, eine mumifizierte Hand hier, ein Knochen dort. Am Ende stehen sie vor Dornröschens Bett: Ein pergamenthäutiges Etwas liegt darin, die Spitzen ihres Kleides sind vergilbt, über allem liegt ein Hauch von Verwesung. Küssen wird diese Prinzessin wohl keiner mehr – schon aus Furcht, sie könnte wirklich erwachen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn Cornelia Funke beim Treffen in London von den Märchen der Brüder Grimm spricht, erregt sie sich schnell: über deren rückwärtsgewandtes Frauenbild, über eine Tendenz, die bestehende „bourgoise“ Gesellschaftsordnung immer und immer wieder zu bestätigen, über die allgemeine Grausamkeit dieser Märchen schließlich, die Mord, Totschlag, Inzest und Folter als selbstverständlich präsentierten, bevor es für die Hauptfiguren immerhin zum Happy End reicht. Das, sagt sie, „war für mich das größte Abenteuer, dass ich plötzlich feststellte: Du beschäftigst dich mit Märchen, mit denen du aufgewachsen bist und die du schon als Kind unangenehm oder erschreckend fandest – aber du wusstest nicht, warum.“

          Es beginnt und endet im klassischen Märchenstil

          Heute erscheint als Frucht dieser Beschäftigung Cornelia Funkes Roman „Reckless“, der erste seit Abschluss ihrer millionenmal verkauften „Tintenwelt“Trilogie. Er erzählt von zwei Brüdern, die aus dem New York unserer Zeit in eine Parallelwelt gelangen, in der die Motive der Grimmschen Märchen überall präsent sind und gleichzeitig die Industrialisierung Einzug gehalten hat – sehr schön kommt das in einem Kapitel zusammen, das vom inneren Monolog einer Fee berichtet, die im Luxusabteil eines dampfbetriebenen Sonderzugs durch die Lande fährt. Es beginnt mit „Es war einmal“, endet mit „Und wenn sie nicht gestorben sind“, die Brüder heißen Jacob und Will – deutlicher könnte man die Folie nicht markieren, von der aus man seine Welt erschafft. Und Funke, die seit fünf Jahren in Los Angeles lebt, erzählt gern, dass sie nach der „demütigenden Erfahrung“, dem literarischen Schreiben in der Fremdsprache Englisch nicht gewachsen zu sein, inzwischen wieder „ganz verliebt“ in ihre Muttersprache sei.

          „Reckless” ist Funkes erster Roman seit ihrer millionenmal verkauften „Tintenwelt”-Trilogie

          Deutschtümelnd romantisierend aber ist nichts an „Reckless“, im Gegenteil: Aus jeder Zeile spricht die Freude der Autorin am Sprachspiel aus jenem milden Fremdheitsgefühl heraus, das ein kalifornisches Umfeld offenbar verschafft: Rieslinge sind da keine edlen Tropfen, sondern eben Bastarde von Riesen. Derlei verdankt sich nicht zuletzt dem Willen der Autorin, die Märchen produktiv zu verwandeln: „In dem Moment“, sagt Funke, „in dem ich dachte: Ich will die Märchen drehen und ihnen eine andere, modernere Bedeutung geben, ich will sie auf meine Weise erzählen und die Macht ihrer Bilder als Frau des einundzwanzigsten Jahrhunderts benutzen, um sie in meinem Sinn wieder unbekannt zu machen – da fing ich wahrscheinlich auch automatisch an, die Worte zu drehen.“

          Über dem Buch liegt ein irritierender Hauch von Gegenwart

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