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Cornelia Funkes „Reckless - Lebende Schatten“ Die Gruft des Hexers

Nichts bleibt, wie es im Buche steht, und nichts gibt es umsonst: Cornelia Funke führt in „Reckless - Lebende Schatten“ ihr literarisches Spiel mit Märchenmotiven fort.

© Dressler

Wer vor allzu großen Aufgaben steht, darf bei den Hilfsmitteln nicht zimperlich sein. Ein versierter Schatzjäger wie Jacob Reckless weiß das natürlich, als er seiner Freundin Celeste hinterhereilt, die er weit entfernt im Schloss eines veritablen Blaubarts vermutet. Also sucht er für sich und seinen Helfer eines jener besonderen Pferde, „die rohes Fleisch fraßen und deren Atem so heiß war, dass man sich daran verbrühte. Man fing sie in Sümpfen und Mooren, blassweiße Gäule, denen die Mähne wie Wurzelwerk um die Hälse hing. Sie waren doppelt so schnell wie gewöhnliche Pferde, aber allzu vertrauensvolle Besitzer fraßen sie im Schlaf.“

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In dieser Woche ist mit „Reckless - Lebendige Schatten“ der zweite Band von Cornelia Funkes Romanserie um eine Parallelwelt erschienen, die von der unsrigen aus durch verschiedene Spiegel betreten werden kann. Im ersten Band, der vor zwei Jahren herausgekommen war, rettete Jacob das Leben seines Bruders Will, der dabei war, sich in einen Goyl zu verwandeln - das sind Bewohner der Spiegelwelt, deren Haut steinern ist und die sich zu Beginn der Handlung auf einem militärischen Eroberungszug befinden, der am Ende in die Hochzeit ihres Anführers mit der Tochter der Kaiserin von Austrien mündet.

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Die Spiegelwelt entwarf Funke gemeinsam mit dem Filmproduzenten Lionel Wigram, der auch im neuen Band als Mit-Urheber genannt wird. Sie basiert auf tradierten Märchenmotiven, die aber einer Dynamik unterworfen sind: Nichts bleibt, wie es im Buch steht, das Allermeiste zeigt sich von seiner gefährlichsten Seite, und wo das unerlöste Dornröschen in ihrem Schloss zur Mumie wird, ekelhaft glitschige Wassermänner Mädchen rauben und sie - wenn überhaupt - so schwer traumatisiert wieder zurückgeben, dass ihre Eltern sie nicht mehr erkennen, wo Einhörner die Unvorsichtigen zerfleischen und immerfort irgendwelche zwergenhaften Wesen zustechen, Taschen durchwühlen oder unfehlbare Fallen auslegen, da ist kein Hauch von Behaglichkeit.

Vor allem aber gilt, dass es hier nichts umsonst gibt: Für jeden Zauber wird bezahlt, Heiltränke kosten Blut und haben meist auch noch erhebliche Nebenwirkungen, so dass das Leben in der Spiegelwelt eine ständige Gratwanderung zwischen Abenteuer und Untergang ist, was den Wesen, die sie bewohnen, einiges an Balance abverlangt, zumal ein Prozess der Industrialisierung eingesetzt hat, der auf reizvolle Weise Eisenbahnen, Fabriken und Flugzeuge mit Hexen und Fabelwesen in Verbindung bringt. Trotzdem gibt es Entscheidungen, die nicht anders getroffen werden können: Für Wills Rettung hatte Jacob den fürchterlichen Fluch einer ehemaligen Geliebten in Kauf genommen, der ihm den bald eintretenden Tod verhieß.

Eine unsichere Überlieferung

An dieser Stelle setzt der zweite Band ein, und in guter Märchentradition gibt es natürlich doch einen Ausweg, der wiederum fast unerreichbar scheint: Jacob soll, begleitet von der wundervollen fuchshaften Celeste, eine bestimmte Armbrust auffinden, deren Bolzenschuss ihn nicht umbringen, sondern heilen werde, wie eine unsichere Überlieferung verspricht. Dafür muss sich Jacob in mehrere Grüfte begeben, Leichenteile eines Hexenmeisters in drei Ländern ausfindig machen, ein bizarres Schatzjäger-Quartett um einen Goyl und einen Wassermann abwehren, vom Beinahetod in den Wellen oder dem Duell mit dem dreihundert Jahre alten Blaubart ganz abgesehen.

All das ist sprachlich von unterschiedlicher Qualität, manche Bilder wirken allzu gesucht, und bestimmte Stilmittel wiederholen sich etwas zu oft, während andere Passagen wiederum durch das exakt gewählte Wort überzeugen: Der heiße Pferdeatem „verbrennt“ dem Reiter eben nicht die Haut, sondern „verbrüht“ sie, und dergleichen mehr.

Ein ungeheurer Preis

Das Projekt aber, den Märchenschatz einer Region in einen spannenden, oft genug düsteren und anspielungsreichen Roman zu überführen, ist neuerlich geglückt. In diesem Band sind zwei französische Märchen besonders auffällig, Perraults „Gestiefelter Kater“ und natürlich „Blaubart“. Dabei lässt Funke in einem Nebensatz ein Prinzip ihres Umgangs mit dem tradierten Stoff erkennen: In der Kneipe „Le Chat Botté“ hängen zwei angeblich authentische Stiefel „neben der Tür, aber sie hätten kaum einem Kind gepasst, und jeder Schatzjäger wusste, dass der gestiefelte Kater so groß wie ein ausgewachsener Mensch gewesen war“. Das lässt sich auf zweierlei Arten lesen. Man kann dahinter die Transformation durch die moderne Autorin ahnen, die aus dem niedlichen Tier, das durch Schläue seine körperliche Unterlegenheit ausgleicht, eine Art Tiger macht. Spannender wäre die zweite Lesart: Demnach wäre das Original das - wie alles in der Spiegelwelt - bedrohliche Wesen, dem man nicht begegnen möchte und das in unserer Welt lediglich als verharmloster Abklatsch angekommen wäre. Aber durch wen?

Funke lässt keinen Zweifel daran, dass es in ihrem Roman außer Jacob noch eine Reihe anderer Grenzgänger gibt, die zwischen unserer Welt und der hinter dem Spiegel wandern. Der eine oder andere der vielen Schatzsucher mag sich auf Geschichten spezialisiert haben, um sie - unseren Konventionen angepasst - auf die andere Seite zu bringen.

Ein nächster Band könnte diesen Punkt weiter ausspinnen. Und klären, was es mit dem Erlkönig auf sich hat, der hier im Hintergrund die Fäden zieht. Für seine Hilfe, so viel steht fest, wird Jacob einen ungeheuren Preis zahlen. Warten wir es ab.

Cornelia Funke: „Reckless - Lebende Schatten“. Mit Illustrationen der Autorin. Dressler Verlag, Hamburg 2012. 416 S., geb., 19,95 €. Ab 14 J.

Quelle: F.A.Z.

 
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