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Christine Hamill: „Die beste Medizin“. Mit Illustrationen von Felicitas Horstschäfer. Aus dem Englischen von Eva Jaeschke. Tulipan Verlag, München 2018. 192 S., geb., 13,- Euro. Ab 10 J. Bild: Tulipan Verlag

Kinderroman „Die beste Medizin“ : Harry Hill antwortet nicht

Zum Lebensretter wird der Komiker trotzdem: In ihrem Kinderroman „Die beste Medizin“ lässt Christine Hamill einen Jungen schwere Bürden meistern.

          Was der Volksmund sagt, trifft nicht immer zu, aber das ist sogar wissenschaftlich belegt: Lachen ist ein wahrer Gesundbrunnen. Vertraut man der Gelotologie, dann löst Lachen eine Vielzahl biochemischer Prozesse aus, allesamt wohltuend für Körper und Psyche, es ist eben „Die beste Medizin“. So lautet auch der Titel des Romans der irischen Autorin Christine Hamill, es ist ihr erster. Ihr zwölf Jahre alter Erzähler Philip ist sich nicht sicher, ob das wirklich stimmen kann: „Und dann denkt man, nein, ist es nicht, aus einem hartnäckigen Fall von Fußpilz kann man sich ja nicht einfach herauslachen, richtig? (Und ich weiß, wovon ich spreche.).“

          Elena Geus

          Chefin vom Dienst.

          Dabei glaubt Philip fest an die Kraft des Lachens, als Stand-up-Comedian will er später groß rauskommen, wie sein Idol Harry Hill, der britische Komiker und Moderator, der seit mehr als 25 Jahren im Unterhaltungsgeschäft tätig ist. Im Buch schreibt Philip seinem großen Vorbild Briefe: flehende, klagende, später wütende, denn Harry Hill reagiert nicht. Doch nur einer kann die Frage beantworten, warum seine Ma, sein größter Fan, nicht mehr über seine Witze lacht, sondern ständig heult, glaubt Philip: Hill, der Großmeister der Komik höchstselbst.

          Warum bei Philips Mutter ständig die Tränen fließen, sie zum Putzfreak mutiert und andere seltsame Obsessionen entwickelt, warum nichts mehr so ist, wie es war, wird erst gegen Mitte des Buchs ausgesprochen: Katie Wright hat Brustkrebs. Philip hätte Zehen- oder Ohrenkrebs weniger peinlich gefunden.

          Eine der besten Eigenschaften im Übermaß

          Sie habe ein lustiges Buch über die unlustige Sache Krebs schreiben wollen, sagte Hamill in einem Interview. Genau das ist ihr gelungen – und mehr. Zur Tumorerkrankung einer Alleinerziehenden hat Hamill nicht weniger gepackt als die Wirrnisse der Pubertät. Auch Philip hadert mit emotionalen und körperlichen Herausforderungen: mit einem ihn mobbenden Mitschüler, der dem nur 1,53 Meter großen Jungen ständig auf die Mütze haut, mit der Anbetung der göttlichen, aber etwas wankelmütigen Lucy, in deren Gegenwart sich der Zwölfjährige wie ein Volltrottel benimmt, und damit, dass die Freundschaft zu seinem Kumpel Ang wegen eines Missverständnisses Schaden genommen hat. Und als wäre das nicht genug, ist plötzlich auch auf seine Ma kein Verlass mehr: Stoff für ein ordentliches Problembuch. Beim Lesen kommen die Tränen in den Augen aber nicht etwa vom Mitleiden, sondern vom Lachen.

          Philip ist ein Witzbold im besten Sinne: pfiffig, spontan, vor Phantasie sprudelnd, sprachgewandt, nicht einmal vor der Verballhornung von Tumor zu Humor macht er halt. Und von einer der besten Eigenschaften besitzt er ein Übermaß: Selbstironie. Kein Scherz ist platt, nichts driftet ins Lächerliche, niemals kommt Schadenfreude auf. Dass der wunderbare Humor in der deutschen Übersetzung nicht gelitten hat, ist zweifelsohne auch ein Verdienst der Übersetzerin Eva Jaeschke.

          So fand auch sie zum Lachen zurück

          Der Tiefe des Romans hat die Leichtigkeit des Erzählens kein bisschen genommen. Dass das Erwachsenwerden kein Spaß und das mit der Liebe kompliziert ist, dass eine lebensbedrohliche Krankheit bei allen Familienmitgliedern Angst, Zweifel und Unsicherheit auslöst, all das können und sollen die Scherze nicht überdecken. Und so zwingt Philip seine Ma auch mit einem eher ernsten Kniff aus dem Haus: Weil er sich den Schädel kahlrasiert hat, wird seine Mutter zur Schule zitiert.

          Hamills Zuneigung zu ihren Figuren ist groß und echt, das schließt auch Susi ein, Katies Freundin, die mit ordnender Hand eingreift, wenn Familie Wright im Chaos unterzugehen droht. Die Authentizität mag auch daher kommen, dass Hamill vor zehn Jahren selbst an Brustkrebs erkrankte. Rein autobiographisch will sie ihren Jugendroman aber nicht verstanden wissen, auch wenn Harry Hill so etwas wie ihr Lebensretter wurde. Über die Fernsehshows, über die sich ihr damals zehn Jahre alter Sohn so amüsierte, fand auch sie zum Lachen zurück. Dass dem Comedian auch im Buch noch die große Bühne bereitet wird, ist das einzig etwas Vorhersehbare an der Geschichte.

          In medizinischem Sinne hilft Lachen weder gegen Fußpilz noch gegen Krebs. Sich alles an Normalität und jede Unbeschwertheit zu versagen macht die Sache, auch wenn das eine Binsenweisheit ist, aber weder besser noch leichter. Wenn es eine Botschaft gibt, dann die, dass es nicht schaden kann, sich daran gelegentlich zu erinnern. Im vergangenen Jahr hat Christine Hamill für „The Best Medicine“ den Laugh Out Loud Book Award erhalten. Selten war eine Auszeichnung treffender.

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