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Kinderbuch „Der Ursuppenprinz“ : Als wären verrückte Eltern nicht schon genug

Christina Erbertz: „Der Ursuppen-Prinz“. Mit Bildern von Daniel Napp. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2014. 224 S., geb., 12,95 €. Ab 9 J. Bild: Beltz & Gelberg

Wie die kleine Forscherin Doro einmal ein Haar findet und was dann geschieht: In ihrem Kinderbuch experimentiert Christina Erbertz mit Aminosäuren und macht daraus einen bezaubernden Ursuppenprinzen.

          Unvorstellbar ist im Grunde nur das: Bücher, in denen sie nicht ihre ganzen Eigentümlichkeiten in das Leben eines Kindes bringen, diese Samse und Pumuckls, die kleinen Gespenster und notfalls auch die Monsterfische. Es sind bisweilen nervensägende Kameraden und Komplizen der Kinderwelt, auf magische Weise im Hier und Jetzt gelandet. Und noch spannender wird das, wenn sie nicht einfach so, durch reinen Zauber, in der Realität landen, sondern durch etwas, das fast noch wirklicher ist als die Wirklichkeit: hochkomplizierte Wissenschaft.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Fall von Doro Schippers, elf Jahre alt, eins neunundvierzig groß und die notorischste Schulschwänzerin ihres leistungsbetonten Gymnasiums, beginnt die Sache mit dem berühmten Ursuppenexperiment von 1953. Stanley Miller und Harold Clayton Urey allerdings hätten sich ebenso wenig wie Doros Mutter träumen lassen, was aus ihren Aminosäuren so herauskommen könnte. In diesem Fall ist es Maximilian II. von Bayern, ein Prinz, geboren im Jahr 1811, der auf einem Porträt im Alter von zwölf Jahren so aussieht, „als hätte er etwas vor, Thron ansägen oder so“, wie Doro findet. Deswegen schaut sie sich, natürlich während des Unterrichts, auf eigene Faust das Porträt des Prinzen im Museum an. Und nimmt ein winziges Haar mit, das daran klebt. Es ist goldglänzend, so glänzend wie die Ursuppe, an der ihre Mutter laboriert, um auf den letzten Drücker doch noch Chemieprofessorin zu werden. Und da kommt Doro die Idee, das Haar einfach mal in die Suppe zu tunken.

          Die Neugier wird geweckt

          Am unwahrscheinlichsten an Christina Erbertz’ zauberhaftem Kinderbuch „Der Ursuppen-Prinz“ ist es wohl, dass eine deutsche Chemikerin mit drei kleinen Kindern aus dem Stand Professorin wird, weil sie endlich beim Experimentieren in ihrem Keller die fehlenden proteinogenen Aminosäuren in Millers Suppenrezept entdeckt.

          Alles andere schließt sich ganz wundervoll zusammen in dieser unterhaltsamen Wissenschaftsphantasie, die Daniel Napp mit charmanten Zeichnungen versehen hat. Aus der Ursuppe starren Doro plötzlich zwei freche Jungensaugen entgegen. Und damit hat sie nicht nur einen Freund, sondern gleich noch ein paar Probleme mehr in ihrem ohnehin nicht gerade unkomplizierten Leben. Doro ist ein ganz und gar originelles Mädchen an der Schwelle zur Pubertät: patent und lebensklug, witzig und unangepasst. Dass auch der Prinz sich für die zu seiner Zeit noch nicht so weit vorangeschrittene Wissenschaft interessiert, schlägt den Bogen zu den vielen Informationen und Gedankenspielen, die anhand der verrückten Experimente in Doros ebenso verrückter Forscherfamilie lustig und recht anspruchsvoll dargestellt werden. Schade, dass nicht am Ende ein paar Anmerkungen oder Lektürehinweise stehen - vermutlich möchten viele Kinder mehr über die Ursuppe, Schrödingers Katze oder Dorothea Erxleben wissen, nach der Doro benannt wurde.

          Eine späte Entdeckung

          Erbertz, die auch als Drehbuchautorin von „Sesamstraße“ und „Löwenzahn“ tätig ist, verbindet geschickt ihre verschiedenen Fäden in einem Roman, der trotz der weiblichen Hauptfigur keineswegs ein Mädchenbuch ist. Obwohl auch rosa Kleider, ein Reiterhof und Küsse darin vorkommen, bisweilen zart ironisch. Vor allem aber geht es um die spannende Rettung des Prinzen durch seine „holde Retterin“. Maximilian benimmt sich geradeso, wie man es sich vorstellt von einem Jungen, der direkt aus dem Jahr 1823 ins Jetzt gesprungen ist, bewundert die „elektrischen Kutschen“ auf der Straße, möchte unbedingt Doros „Lehranstalt“ besuchen und erzählt von einer Kindheit im Königsschloss, in der elterliche Zuneigung und persönliche Freiheit keine Rolle spielen.

          Insofern ist er das passgenaue Gegenstück zu Doro, die in einer Familie von Genies unterzugehen droht. Der Vater, weltberühmter Mathematiker, ist geistig meist abwesend, die Mutter bastelt an der Karriere, die beiden jüngeren Zwillingsbrüder sind hochbegabt und blicken verächtlich auf ihre vermeintlich doofe Schwester herab.

          Wie wertvoll Millers Ursuppe tatsächlich war, haben Wissenschaftler erst Jahre später festgestellt. Auch Doros Eltern entdecken erst spät die Stärken der Tochter. Die Leser, muss man sagen, kennen sich da besser aus: Ihnen wird Doro auf Anhieb gefallen.

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