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Isaac B. Singers Geschichten : Dieser Schnee ist ja eigentlich Silber

Isaac Bashevis Singer, Maurice Sendak: „Zlateh die Geiß und andere Geschichten.“ Aus dem Englischen von Mirjam Pressler. Aladin Verlag, Hamburg 2017. 112 S., geb., 20,– €. Ab 6 J. Bild: Aladin

Die Kindergeschichten von Isaac B. Singer feiern das Leben in einer verlorenen Welt. Illustriert von Maurice Sendak, dessen Familie ebenfalls ostjüdische Wurzeln hat, wurden sie jetzt neu übersetzt.

          Zum Arbeiten und Lernen hat der junge Atzel keine Lust, zum Essen, Trinken und Ausruhen dagegen sehr, und eines Tages ist die Sehnsucht nach der Welt, die ihm seine Kinderfrau mit ihren Geschichten vom Paradies eröffnet hatte, so übermächtig, dass er sich auf sein Bett legt und hofft, tot zu sein. Denn dann, so denkt er, werde er an jenen Ort kommen, wo man sich nach den Worten der Kinderfrau niemals anstrengen müsse: „Im Paradies esse man Ochsenbraten und Walfleisch, man trinke den Wein, den Gott für die Gerechten vorgesehen habe, man schlafe bis in den Tag hinein, und man habe keine Verpflichtungen.“

          Was soll man da machen? Atzels Familie, allen voran sein Vater und seine verzweifelte Braut Aksah, versuchen es mit Bitten und guten Argumenten, aber Atzel ist nicht davon abzubringen, eigentlich tot zu sein, und fordert, dass man ihn endlich begrabe, damit er ins Paradies eingehen könne. Endlich zieht Atzels Vater einen Spezialisten hinzu. Und der verspricht ihm, den jungen Taugenichts in acht Tagen zu heilen, „aber unter einer Bedingung: Sie müssen tun, was ich Ihnen sage, egal wie seltsam es Ihnen vorkommen mag.“

          Wie konnte es nur so weit kommen?

          Atzels Geschichte ist eine von sieben, die der polnisch-amerikanische Schriftsteller Isaac Bashevis Singer in dem explizit für Kinder geschriebenen Band „Zlateh die Geiß“ versammelt hat. Sie spielen sämtlich in Singers ostjüdischer Heimat, und der Autor, der 1978 im amerikanischen Exil mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, weist in seinem Vorwort darauf hin, dass er von einer versunkenen Zeit erzählt: „Im wirklichen Leben gibt es viele der Menschen nicht mehr, die ich beschreibe, aber für mich bleiben sie lebendig.“

          Singer spricht von „ihrer Weisheit, ihren seltsamen Glaubensvorstellungen“ und schließlich von „ihrer Narretei“, und dass er diese drei Dinge sprachlich auf engem Raum miteinander verschränkt, weist auf alle sieben Erzählungen voraus. Da ist etwa ein gewisser Schlemiel, der zu Hause auf das Kind und den Hahn aufpassen soll, während seine Frau auf dem Markt ihre Waren verkauft, und dem alles misslingt, bis er aus Angst vor dem Schelten seiner Frau sterben möchte. Der Topf mit der frischen Marmelade kommt ihm gerade recht, denn den hatte seine Frau zuvor als giftig bezeichnet, um ihn am Naschen zu hindern. Am Ende hat das Kind eine Beule, der Hahn ist fort, und der Marmeladentopf ist leer, die Frau schilt, und Schlemiel ist aus den wunderbarsten Träumen in die hässliche Realität erwacht. Dann aber legen die Nachbarn, die das Elend nicht mit ansehen können, zusammen und spenden dem Paar Marmelade und Apfelwein, und die Weisen des Dorfs kommen zusammen und grübeln darüber nach, wie es so weit kommen konnte – so enden die meisten Geschichten des Bandes, und fast immer finden die Weisen eine aberwitzige Lösung in einer Traumlogik, auf die man selbst nicht verfallen wäre.

          Damit das Dorf größer aussieht

          Da ist etwa ein äußerst schlichter Bräutigam aus einem entfernten Dorf, der alles wörtlich nimmt, jede Situation missversteht und ebendarum die Geschenke seines Schwiegervaters eines nach dem anderen verschusselt oder verdirbt. Die Weisen kommen zu dem wunderbaren Schluss: Schuld ist die Landstraße zwischen den Dörfern der Liebenden, also sollen sie rasch heiraten, damit der Spuk ein Ende hat. Das hat er dann auch, denn der junge Ehemann, so kann man sich die Geschichte weiterspinnen, steht von nun an unter der liebevollen Bewachung seines Schwiegervaters, der ihn vor den größten Torheiten bewahrt.

          Diese Mehrdeutigkeit, dieser Perspektivenwechsel im Gewand strengster Logik macht den Zauber dieser Geschichten aus. Und das besonders dort, wo sie von Narren handeln, von Träumern, die sich einer Vorstellung von der Welt hingeben, die sehr abweicht von der üblichen: Wer lang genug in den Schnee schaut, wie die Weisen aus dem berühmten ostjüdischen Schilda-Pendant namens Chelm, der sieht darin Silber, Perlen und Diamanten. Und überlegt schon mal, wie er den damit zu erzielenden Reichtum ausgibt: Für neue Brillen, sagt einer, solche nämlich, die das Dorf größer aussehen lassen, als es in der langweiligen Wirklichkeit ist.

          Mit dem irdischen Dasein kann kein Paradies mithalten

          Das schmale Buch, ursprünglich 1966 erschienen und später mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, verdankt sich einer Zusammenarbeit von Singer mit dem Zeichner Maurice Sendak, dessen Familie ebenfalls ostjüdische Wurzeln hat. Sendak, der 1963 mit „Wo die wilden Kerle wohnen“ einen Welterfolg erzielt hatte, fügte Singers Geschichten Zeichnungen hinzu, die den versöhnlichen Ton des Texts zwar aufnehmen, aber eine Portion Skepsis in die Gesichter der abgebildeten Menschen malen. Wenn sich etwa vor dem jungen Brautpaar ungeahnte Hindernisse auftürmen, schluchzt die Braut mit niedergeschlagenen Augen, der Bräutigam schaut erschrocken, die drei Älteren aber tragen jenen Ernst, der Sorge mit Pragmatismus verbindet. Nur im Hintergrund blickt eine Ahnin verächtlich auf eine neue Generation, die so gar nichts hinbekommt.

          Jetzt legt der Aladin Verlag, der Sendaks Bücher ebenso beharrlich wie liebevoll wieder ans deutschsprachige Publikum bringt, das Buch in einer souveränen Neuübersetzung von Mirjam Pressler vor. Und macht damit ein Werk von hoher Schönheit zugänglich, das auch nach den Verheerungen des zwanzigsten Jahrhunderts, die gerade Singers Heimat entsetzlich trafen, fortwährend davon spricht, dass kein Paradies mit dem irdischen Dasein mithalten kann. Nicht nur der junge Atzel würde das am Ende unterschreiben.

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