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Kunstwerke für Kinder erzählt : Reicht dein Blick nicht bis ganz hinauf?

  • -Aktualisiert am

Christine Traber, Ingo Schulze: „Wirklich, wir können nur unsere Bilder sprechen lassen“. Carl Hanser Verlag, München 2015. 160 S., geb., 19,90 €. Ab 12 J. Bild: Carl Hanser Verlag

Ingo Schulze und Christine Traber lassen berühmte Bilder sprechen. Daraus könnte etwas werden. Warum bleibt die Sache dann so mau?

          Dieses Buch versammelt zwanzig Gemälde, und jedes einzelne davon stammt aus der Hand eines berühmten Künstlers (auf Künstlerinnen wollte man anscheinend lieber verzichten). Cézanne, Degas, Manet und Monet sind mit einem Werk vertreten, ebenso Menzel, Spitzweg, Friedrich und Goya. Alle Bilder hängen in München, sie gehören den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. In dem Band des Hanser Verlags sind sie deshalb vereint, weil der Schriftsteller Ingo Schulze und die Kunsthistorikerin Christine Traber sich Geschichten zu ihnen ausgedacht haben. Zwanzig Bilder, dazu zwanzig Geschichten. Ist das eine gute Idee?

          Einerseits - natürlich! Je berühmter Bilder sind, desto größer ist häufig das schlechte Gewissen, das sie beim Betrachter auslösen. Müsste man nicht mehr darüber wissen? Sollte man sich nicht doch eines Tages durch das KleinKlein eines Katalogs oder Ausstellungsführers beißen, um sagen zu können, warum dieses oder jenes Bild so bekannt ist, wofür es steht?

          Bemühen um Spannung und Abwechslung

          Mit Ingo Schulze, seinem Namen, verbindet sich vor diesem Hintergrund ein doppeltes Versprechen. Ein Schriftsteller, der sich als herausragender Erzähler einen Namen gemacht hat, führt - zusammen mit einer Kunsthistorikerin - durch sogenannte Meisterwerke der Moderne. Kunst trifft hier also auf Literatur, das klingt nach Unterhaltung und Bildung, einem Vergnügen, das der Verlag Lesern ab 12 Jahren empfiehlt.

          Schon bei der Aufmachung hat man sich bemüht, Spannung zu erzeugen. Im Buch sieht der Leser, wenn die Geschichte beginnt, zunächst nur einen Bildausschnitt, ein weiterer folgt beim Umblättern, bis schließlich das ganze Gemälde vor Augen steht. Keine Geschichte trägt einen Titel. Keine ist länger als fünf Seiten, die meisten deutlich kürzer. Die Erzählweisen wechseln: Es gibt innere Monologe, Briefwechsel oder auch Dialoge.

          Wie ein betrunkener Museumsführer

          Alles wunderbar also? Nein, nicht wirklich. Was hier der Literatur im Weg steht, lässt sich an zwei Beispielen zeigen. Zu Vincent van Goghs „Blick auf Arles“ von 1889, einem Landschaftsgemälde mit drei dunkelblauen Bäumen im Vordergrund, heißt es beispielsweise: „Reicht dein Blick nicht bis ganz hinauf? Dort, wo unsere jungen Triebe über das knorpelige Rindendunkelblau hinauswachsen, wo sie übermütig leuchtend in den Himmel staksen oder sich ineinander ducken.“

          Die Idee besteht in diesem Fall also darin, die Bäume reden zu lassen, sie sprechen den Betrachter direkt an, vermutlich sogar van Gogh selbst, den Maler, der bekanntlich an einer Nervenkrankheit litt und 1890 starb. Die sprechenden Bäume aber klingen wie ein betrunkener Museumsführer. Sie lieben Metaphern und Analogien, und ihnen fällt genau das zu van Gogh ein, was jeder mit ihm verbindet: Vision und Wahnsinn.

          Die Porträtierte denkt, was die Forschung über sie weiß

          Nächstes Beispiel: die Geschichte zur „Büglerin“ von Edgar Degas aus dem Jahr 1869. Dieses Mal besteht die Geschichte aus dem inneren Monolog der Büglerin, die über die Malsituation nachdenkt. „Warum sagt er kein Wort?“, fragt sie sich im Buch, gemeint ist natürlich Degas. „Ich soll nicht auf ihn achten, einfach meine Arbeit tun. Pah, meine Arbeit . . . als wär ich Büglerin.“ Die Büglerin nämlich war in Wirklichkeit gar keine Büglerin, sie war ein beliebtes Pariser Malermodell mit Namen Emma Dobigny. Sie wurde auch von Corot verewigt, weshalb die arme Büglerin, die keine ist, in dem fiktiven inneren Monolog an Corot denken muss: „Dafür ist mit der Sitzung heute und denen in den nächsten Tagen bei Monsieur Corot die Miete und das Essen für diesen Monat gesichert.“

          Kurzum: Emma Dobigny denkt, was die kunsthistorische Forschung weiß. Wäre das Gemälde von Degas nicht direkt neben diesem Text abgedruckt, könnte er auch das Skript für ein Radioquiz sein, bei dem Hörer anhand der Anspielungen erraten müssen, von welchem Kunstwerk die Rede ist. Am Ende des Buches kann der Leser die Information auch noch einmal in kompakten Kurzfassungen zu jedem Bild nachlesen. Und wer die Degas-Ausstellung in Karlsruhe besucht, in der „Die Büglerin“ derzeit hängt, dem erklärt Roger Willemsen über den Audioguide den Hintergrund zu Emma Dobigny.

          Die Literatur dreht ihre Runden

          Damit ist das Dilemma dieses Bandes benannt. Je berühmter die Gemälde nämlich sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Autoren, die über sie schreiben, in Schreckstarre verfallen. In den vergangenen Jahren haben verschiedentlich Museen Schriftsteller gebeten, zu Bildern der Sammlung zu schreiben. Je unbekannter die Werke waren, desto besser waren häufig die Geschichten, die man sich dazu ausdachte. Überraschend war das Ergebnis auch, als das Frankfurter Städel Museum Autoren bat, zu Gemälden von Emil Nolde zu schreiben, und gleichzeitig dessen Vergangenheit im Nationalsozialismus offenlegte. Wie man sich zu Nolde, zu seiner Kunst stellen wollte, stand den Autoren dabei offen.

          Zu selten aber gelingt es Traber und Schulze, einen eigenen Blick auf die Werke zu werfen - wie bei ihren originellen Beobachtungen zu Bildern von Goya und Spitzweg. Die Prominenz der Bilder lässt den Texten häufig kaum Freiheiten. Die Fakten sind bekannt, man hält sich daran. Das Urteil wurde längst gefällt, man stimmt noch einmal ein. In dieser kleinen Arena dreht die Literatur ihre Runden wie ein Pferdchen an der Longe. Gewünscht hätte man sich: weniger Dressur, mehr gestreckten Galopp.

          Christine Traber, Ingo Schulze: „Wirklich, wir können nur unsere Bilder sprechen lassen“. Carl Hanser Verlag, München 2015. 160 S., geb., 19,90 €. Ab 12 J.

          Quelle: F.A.Z.

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