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Veröffentlicht: 20.07.2016, 11:51 Uhr

Ein Traumbilderbuch Die mit dem Löwen tanzt

So kommen Kinder durch die Dunkelheit: Britta Teckentrups „Nachts, wenn alles schläft ...“ verbindet Traumbilder mit Versen, die den Abend freudig erwarten lassen.

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© Prestel Verlag Britta Teckentrup: „Nachts, wenn alles schläft ...“ Prestel Verlag, München 2016. 56 S., geb., 12,99 €. Ab 4 J.

Die Nacht ist ein Topos im Bilderbuch, natürlich deshalb, weil so viele Bilderbücher als Einschlafhilfen dienen. Und wie könnte man Kinder schöner zum Schlummern bringen als durch die Verheißung von Abenteuern und Amüsement in jenen Stunden, die sonst als verlorene Zeit, ja Ungerechtigkeit empfunden werden?

Andreas Platthaus Folgen:

Das letzte großartige Nachtbuch war Lemony Snickets und Jon Klassens „Dunkel“. Nun folgt „Nachts, wenn alles schläft ...“ von Britta Teckentrup. Die 1969 in Hamburg geborene, aber in London zur Illustratorin ausgebildete Zeichnerin knüpft mit ihren Zeichnungen an eine Tradition an, die ihre Wurzeln im osteuropäischen Bilderbuchstil der siebziger Jahre hat: flächige, fast wie Papiercollagen wirkende Dekors, auf simple Mimik und Gestik reduzierte Figuren, aber alles geprägt von tiefem Gefühl für kindgerechte Farb- und Formenstimmung. Und Teckentrups Buch weist einen spezifischen Rhythmus auf, der sich nicht nur dem heutzutage raren Prinzip gereimter Texte verdankt (die aber das Vorlesen zur Freude auch für den Vorlesenden macht), sondern auch den sich immer wieder im Aufbau abwechselnden Doppelseiten, auf denen die gereimten Textpassagen mal in die Zeichnungen integriert sind, mal separiert auf eigener Seite den Bildern gegenüberstehen, dann wieder ganz fehlen - wir wissen nie, was uns beim Umblättern erwartet. Und viel Besseres kann man über ein Bilderbuch kaum sagen.

Schon ist das Dunkel besiegt

Dazu bildet die Geschichte ab, was sie erzählt. Das klingt tautologisch bei einem Bilderbuch, aber hier gibt es die schöne Idee, dass der Verlauf der Nacht zum ästhetischen Prinzip der Farbgebung wird: Es beginnt verschattet wie in der Abenddämmerung, dann verdüstern sich die Farben zu einer fast schwarzen wortlosen doppelseitigen Zeichnung, ehe sich langsam alles aufhellt bis hin zu einem strahlenden Morgen, der dem Aufwachen des kleinen Mädchens vorausgeht, dessen wilde Reise durch die Nacht wir begleitet haben.

Was erlebt sie auf dieser Reise? Einen Vollmond, der zum Heißluftballon wird, einen Reigen mit Walen, ein Schweben im Wald, einen Handschlag mit einem Bären und vor allem die Freundschaft mit einem Löwen. Den trifft die kleine Ich-Erzählerin just auf jenem dunkelsten Bild, in das nur die Mondmontgolfiere einen Lichtblitz bringt: Ganz rechts unten sitzt der Löwe da, und dass von diesem Raubtier keine Gefahr ausgeht, zeigt seine milde Miene. Und kaum ist man gemeinsam unterwegs, ist das Dunkel auch schon besiegt: „Sanft schaukelt das Boot / Durch die samtblaue Nacht, / wiegt uns auf den Wellen, / bis der Tag erwacht.“

Eine melancholische Note

Doch der Tag setzt erst ganz am Ende des Buches ein, während zuvor immer wieder der Schlaf das Mädchen übermannt, um sie aber jeweils nur in noch schönere Umgebungen zu führen: „Ich erwache im Wald, / bin umgeben von Bäumen. / Wir erkunden gemeinsam / ein Dickicht aus Träumen.“ Und jedesmal beginnt ein neuer Reigen spielerischer Freuden des Mädchens mit Fauna und Flora, die sich in Versen und Zeichnungen dadurch ausdrücken, dass auch Text und Bild zusammenkommen, sich wieder trennen, um neu zueinander zu finden - wie im Tanz.

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Und dann, gegen Ende des Traums, folgt das große Finale. Nach dem Abschied von den neuen Spielgefährten eilt der Löwe mit dem Mädchen durch die Morgendämmerung: „Die Farben der Nacht / verblassen schneller und schneller. / Wir springen durch Rot . . . / Es wird heller und heller.“ Und zu den letzten beiden Zeilen zeichnet Britta Teckentrup den voranstürmenden Löwen auf der ersten Doppelseite mit auf das auf seinem Rücken reitende Mädchen gerichteten Augen, während er auf der nächsten Doppelseite in exakt derselben Pose und Umgebung gezeigt wird, nur jetzt in goldene Farben getaucht statt in rote, und sein Blick weist nach vorn, in den Tag hinein, an dem seine kleine Freundin wieder wach sein wird und fern von ihm.

So endet das Buch auf einer melancholischen Note. Doch mit einem hoffnungsfrohen Vers. Und der nächste Abend folgt ja schon bald. Da wird „Nachts, wenn alles schläft ...“ wieder gute Dienste leisten.

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