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Brian Selznicks „Wunderlicht“ : Werde der Kurator deines eigenen Lebens

Bild: CBJ

Brian Selznick, Autor der „Entdeckung des Hugo Cabret“, ist ein Meister des doppelbödigen Erzählens. Sein neues Kinderbuch „Wunderlicht“ begibt sich auf eine faszinierende Reise durch Zeit und Raum.

          Zur Flucht treibt der Traum. Oder der Albtraum. Zuweilen auch beides. Traum und Albtraum sind es jedenfalls, die Ben und Rose, die beiden Kinder in Brian Selznicks neuem Buch „Wunderlicht“ dazu anstacheln, ihre Elternhäuser zu verlassen - Rose klettert eines Tages aus dem Fenster, läuft zur Fährstation und flieht nach New York City, der Stadt, deren Kulisse sie von ihrem Zuhause aus sehen konnte und die sie doch nie besuchen durfte, weil ihre Eltern fanden, das sei zu gefährlich. Ben packt seine sieben Sachen und flieht aus dem Krankenhaus, in dem er liegt, weil ihn ein Blitz getroffen hat. Sein Ziel heißt ebenfalls New York, er nimmt den Bus.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber das sind nicht die einzigen Gemeinsamkeiten, welche die Kinder teilen. Rose und Ben sind taub, Rose vermutlich seit dem Tag, an dem sie als Zweijährige einmal heftig stürzte; Ben hat auf einem Ohr schon immer schlecht gehört, sein zweites, sein „gutes Ohr“ hat dann der Blitz ruiniert, der ihn traf. Beide haben sich zu Hause allein gefühlt, beide suchen in der großen Stadt nach einem Menschen, der sie von der Einsamkeit befreit. Doch so stark diese Ähnlichkeiten sind - viel mächtiger und unüberwindlicher scheint zunächst, was die beiden trennt: Es ist die Zeit. Denn Roses Abenteuer beginnt 1927, genau fünfzig Jahre bevor Ben sich auf den Weg macht. Strenggenommen können sich die beiden also nicht begegnet sein, und doch erzählt „Wunderlicht“ nichts anderes als die Geschichte von Ben und Rose.

          Der größte Reiz

          Wie es gelingt, diese beiden zeitlich versetzten Erzählstränge zu einer glaubhaften Geschichte zusammenzuführen, das ist folglich die eine, nicht geringzuschätzende Leistung von Brian Selznick. Die andere, noch größere, aber liegt in der Art, wie er die Lebensreisen der Kinder zwar getrennt erzählt, sie aber doch von Anfang an miteinander kommunizieren lässt. Er widmet sich abwechselnd dem Jungen und dem Mädchen, wobei er die Mittel der Darstellung immer wechselt: Bens Geschichte erzählt Selznick in Worten, Roses Geschichte aber ausschließlich in Bildern, mithin in einem Medium, das dem Kind selbst zur Verfügung steht. Sehr oft lässt sich dabei beobachten, wie die in schwarz-weißer Schraffur gehaltenen Zeichnungen, die sich meist großzügig über zwei Seiten erstrecken, nicht nur von Rose berichten, sondern gleichzeitig als Illustrierung dessen fungieren, was wir zuvor über Ben gelesen haben. Und das gilt auch umgekehrt: Auch Bens Geschichte liest sich zuweilen wie eine Beschreibung der Bilder, die man bereits gesehen hat.

          In diesem ausgezeichnet ausbalancierten Wechselspiel zwischen Text und Bild liegt der größte Reiz dieses Buches. Selznick zeigt hier einen Mut zur Irreführung seiner Leser, mit dessen Hilfe eine feine, vom inhaltlichen Verlauf der Geschichten völlig unabhängige Spannung entsteht. Dass er die Grenze zur Unverständlichkeit dabei nie überschreitet, ist das eine. Dass er damit ein mehr als sechshundert Seiten umfassendes Werk geschaffen hat, in dem nicht nur Kinder immer wieder staunend vor- und zurückblättern dürften, das andere.

          Mit Bedacht

          Es geht den Lesern nämlich wie den beiden Kindern Rose und Ben - es ist, als bewege man sich in einer Wunderkammer. Ben, der ein leidenschaftlicher Sammler von Dingen ist, die er in seinem tragbaren, selbstgebastelten Setzkasten verstauen kann (etwa einen Vogelkopf und eine Muschel-Schildkröte), landet nach einer nervenaufreibenden Irrfahrt schließlich im „American Museum of Natural History“ von New York. Dieses mit Dinosaurierskeletten, allen möglichen ausgestopften Tieren, Korallen und sonstigen Kuriositäten überfüllte Museum hat auch für Rose eine besondere Bedeutung. Hier begegnen sich die beiden zum ersten Mal, ohne sich sofort zu erkennen. Hier werden beide schließlich finden, was sie suchen: einen Platz auf der Welt, an dem sie bleiben wollen.

          Das wiederum hat Brian Selznick, von dem wir schon seit seinem letzten Buch „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ wissen, dass er ein Meister doppelbödigen Erzählens ist, natürlich mit Bedacht so arrangiert. Im Museum entdeckt Ben, dass die Dinge, die er dort sieht, eine Geschichte erzählen, und das führt ihn zu der alles entscheidenden Frage: „Wie würde das sein, die Objekte und Geschichten auszuwählen, die in deinen eigenen Ausstellungsschrank, deine eigene Wunderkammer sollten? Wie würde Ben sein Leben kuratieren?“ Nicht leicht, darauf eine Antwort zu finden. Brian Selznick aber hat mit seinem Buch, das eine Einladung zum Spiel mit Wort und Bild, Zeit und Raum ist, eine sehr schöne gegeben.

          Brian Selznick: „Wunderlicht“. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. Cbj-Verlag, München 2012. 638 S., geb., Abb., 19,99 €. Ab 10 J.

          Quelle: F.A.Z.

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