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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Bodil El Jørgensens „Dritte Stunde nach Mitternacht“ Das Herz macht einen Satz

 ·  Vorbild „Drei Fragezeichen“: In ihrem Kinderkrimi „Die dritte Stunde nach Mitternacht“ macht die dänische Autorin Bodil El Jørgensen manches falsch und vieles richtig.

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Es gibt Situationen, die man niemandem gönnt, schon gar nicht einem kurzgewachsenen elfjährigen Mädchen. Die kleine Esme schwimmt irgendwann in diesem Kinderroman verzweifelt im eiskalten Wasser vor der Küste von Arhus, kommt schließlich halbtot am nächtlichen Kai an und merkt, dass der Wasserstand zu niedrig ist, als dass sie sich heraufziehen könnte. Lange, das weiß sie, wird sie sich nicht mehr oben halten können.

Im Kinderbuch ist es eine seltene Qualität, wenn Autoren ihren Figuren etwas zumuten, das organisch aus der Handlung erwächst. So gesehen macht die dänische Schriftstellerin Bodil El Jørgensen in ihrem Band „Die dritte Stunde nach Mitternacht“ vieles richtig, denn Esmes Todesgefahr ist eine Folge ihrer Neugier und ihrer Ermittlungen in einer Sache, die sich bald als zu groß für sie erweist. Gemeinsam mit ihrem gleichaltrigen Cousin Igor ist sie im heimischen Arhus erst auf Rollenspieler gestoßen, die offensichtlich nicht mehr zwischen Traumwelt und Realität trennen konnten, dann auf ein Komplott, das in der Entführung einer Millionärstochter gipfelt.

Schwer erträglich für ein ganzes Buch

Kinderkrimis sind ein bedeutender Trend der Kinder- und Jugendliteratur, und unausgesprochen dienen hier zumeist die ehrwürdigen „Drei Fragezeichen“ als Vorbild, an das man sich anlehnt, das man behutsam aktualisiert oder von dem man sich absetzt, je nachdem, wie die Protagonisten zu ihrer Recherche kommen. In diesem Fall, auch da ist die Autorin nicht ungeschickt (allerdings auch nicht besonders originell), wird die Ich-Erzählerin Esme gleich auf der ersten Seite als rotzfreche Schülerzeitungsredakteurin vorgestellt, die das Medium nutzt, um über alles zu berichten, was ihr auffällt und dabei den Radius des Schulhofs weit überschreitet. Als sie zufällig die diskret deponierten Nachrichten der Rollenspieler findet und die Sache mit dem bedächtigen Igor diskutiert, avanciert er zum Korrektiv der forschen Esme: Sie ist schnell entflammt und schnell wieder abgekühlt, während er Spuren sichert und interpretiert, und natürlich ist er es, der am Ende für die Rettung seiner Cousine aus dem kalten Wasser sorgt.

All dies ist kurzweilig und rasant, die Schauplätze und das Personal sind überschaubar, aber nicht ohne Überraschungen, und so liest man „Die dritte Stunde nach Mitternacht“ durchaus gern.

Dass dieser Auftakt einer Serie trotzdem nicht recht überzeugt, liegt zum einen an Esmes Erzählweise: Die Autorin legt ihr Sätze in den Mund wie „Dann siegte meine Neugier“, „Mein Journalistinnenherz machte schon wieder einen Satz“ und dergleichen mehr, was als Rollenprosa einer Figur noch durchginge, für ein ganzes Buch aber schwer erträglich ist, völlig unabhängig von der Frage der Authentizität.

Am Ende eine Exklusivgeschichte

Schwerer wiegt die Unentschlossenheit, mit der Bodil El Jørgensen Esmes existentielle Bedrohung nicht einfach so stehen lassen kann, sondern unbedingt die längst verstorbene Mutter des Mädchens ins Spiel bringt. Esme jedenfalls hört deren Stimme, die sie „Mein Kätzchen“ nennt und ihr rät, das Atmen nicht zu vergessen. Das soll natürlich ein neues Licht auf die äußerlich so toughe Erzählerin werfen und unterstreichen, wie sehr sie die knapp vier Jahre zuvor gestorbene Mutter dann doch vermisst und verinnerlicht hat - es sticht aber als greller Fremdkörper heraus und ist als Szene durch die mühsam kaschierte Sentimentalität die am wenigsten überzeugende des Buchs.

Am Ende kriegt Esme dann ihre Exklusivgeschichte, der Grundstein zur Freundschaft mit dem netten Kommissar ist gemacht (auch dies eine Reminiszenz der „Drei Fragezeichen“), nachdem die Kinder zuvor von der Polizei mit ihren Warnungen nicht ernst genommen wurden.

Und gerade in solchen Passagen blitzt das Talent der Autorin auf, ihre Bereitschaft, die Augen aufzumachen, wenn es um harte Botschaften geht. Von Erwachsenen ist Hilfe kaum zu erwarten, wenn die lieber Beziehungsgespräche am Kai führen, statt auf die Notrufe aus dem Wasser zu hören. Oder gleich die Pistole auf elfjährige Mädchen richten. Hoffen wir, dass sich die Autorin im nächsten Band entscheidet.

Bodil El Jørgensen: „Die dritte Stunde nach Mitternacht.“ Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler. Thienemann Verlag, Stuttgart 2012. 176 S., geb., 9,95 €. Ab 10 J.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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