04.12.2009 · Bühnenrausch im Bilderbuch: Mit „Ritter Rüstig & Ritter Rostig“ macht Binette Schroeder, die Doyenne der deutschen Kinderbuch-Illustratorinnen, sich selbst das schönste Geschenk zum siebzigsten Geburtstag.
Von Andreas PlatthausIhre Karriere begann märchenhaft: mit einem Goldenen Apfel. Das ist einer der Hauptpreise auf der Illustrations-Biennale von Ljubljana, und Binette Schroeder erhielt ihn 1970 für ihr Kinderbuch „Lupinchen“. Dieses Werk war das späte Debüt der damals Dreißigjährigen, doch gezeichnet hatte sie Bilderbücher schon als Kind. Über die Ausbildung zur Gebrauchsgrafikerin war diese Faszination in den Hintergrund, aber nicht in Vergessenheit geraten, und kaum hatte die gebürtige Hamburgerin sich in West-Berlin selbständig gemacht, zeichnete sie nach einem eigenen Text „Lupinchen“. Den Verlag dafür fand sie auf der Frankfurter Buchmesse, auf die sie 1969 eine Auswahl von Illustrationen aus dem Buch mitgenommen hatte. Seitdem, also genau seit vier Jahrzehnten, ist sie immer wieder zum Zürcher NordSüd-Verlag zurückgekehrt, und beide Seiten haben von dieser Zusammenarbeit profitiert: Binette Schroeder heimste die wichtigsten Auszeichnungen ein, die die deutsche und internationale Kinerbuchszene zu bieten haben, und NordSüd hat mehr als ein halbes Dutzend ihrer erfolgreichen Bücher verlegt.
Das jüngste in dieser Reihe heißt „Ritter Rüstig & Ritter Rostig“, und es erscheint nicht nur pünktlich zu vierzig Jahren Verlagszugehörigkeit, sondern auch zum siebzigsten Geburtstag von Binette Schroeder, den sie am 5. Dezember feiert. Das neue Buch setzt ihr bisheriges Schaffen konsequent fort: Keine andere Illustratorin außer der fünfzehn Jahre jüngeren Lisbeth Zwerger knüpft derart konsequent an die deutsche Bilderbuch-Tradition an. Binette Schröder zeichnet auf eine Art, dass man meinen könnte, ihre Figuren seien längst in unserem Bildgedächtnis verankert. Und doch ist alles neu, was sie erzählt, und diesmal hat sie auch wieder selbst zur Schreibfeder gegriffen, nachdem sie in den siebziger und achtziger Jahren vor allem fremde Vorlagen, darunter von ihrem Ehemann Peter Nickl, Michael Ende oder auch den Brüdern Grimm, illustriert hatte.
Manchmal bringt ein Aber auch etwas Gutes
Für „Ritter Rüstig & Ritter Rostig“ bedient sich Binette Schroeder eines der ältesten Tricks humoristischen Erzählens: Einem langen Dünnen (Rüstig) wird ein kleiner Dicker (Rostig) beigesellt. Beide haben die körperlich zu ihnen passenden Frauen, so dass der Kontrast verdoppelt wird, und beide Paare sind die besten Freunde. „Aber leider gibt es fast immer ein Aber.“ Aus der Freundschaft der beiden Recken wird, durch den Ehrgeiz ihrer Gattinnen, Rivalität und schließlich Feindschaft. So ganz unrecht wird das den beiden Herren auch gar nicht sein, denn in die Schlacht ziehen die wackeren Ritter längst nicht mehr, und wenn kein Kampfeslärm erklänge, wäre ja das ganze Kriegerdasein sinnlos. Man zerstreitet sich ausgerechnet über ein ehedem klägliches Blümlein, das in gemeinsamem Einsatz der beiden Gattinnen zu schönster Blütenpracht gebracht worden ist, und da jedes Paar gerne im Schatten der haushohen Pflanze dinieren möchte, ist alsbald Eiszeit zwischen den beiden Burgen ausgebrochen. „Aber - manchmal bringt ein Aber auch etwas Gutes - nach jedem Winter kommt ein Frühling.“
Mehr sei nicht verraten, dafür aber - und dieses Aber bringt ganz gewiss etwas Gutes - umso nachhaltiger verwiesen auf die Bilderkunst von Binette Schroeder. In ihre Buntstiftzeichnungen montiert sie Blumen und Fabelwesen, wie wir sie aus alten Kupferstichen kennen, hinein, und die Rüstigs und Rostigs agieren wechselseitig wie Bühnenfiguren, die vor weitgehend statischen Kulissen ihr buntes Spiel entfalten. Dabei hat Binette Schroeder auch einen neuen Kunstgriff angewendet, indem sie bisweilen kleine Bildsequenzen mit den ansonsten großen doppelseitigen Tableaus kombiniert, die ihre klare graphische Sprache aufs beste zur Geltung bringen. Experimentierfreudig ist diese Künstlerin geblieben. Und wer noch mehr von ihr sehen will, der gehe ins Literaturhaus Berlin. Es zeigt derzeit aus Anlass des siebzigsten Geburtstags von Binette Schroeder eine Ausstellung mit ihren Illustrationen.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
Jüngste Beiträge