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„Shackletons Reise“ für Kinder : Eine Geschichte vom Scheitern und vom Siegen

William Grill: „Shackletons Reise“. Aus dem Englischen von Harald Stadler. NordSüd Verlag, Zürich 2015. 78 S., geb., 19,99 €. Ab 8 J. Bild: NordSüd Verlag

Die Geschichte seiner „Endurance-Expedition“ ist womöglich die größte Heldensage des zwanzigsten Jahrhunderts: Ein Bilderbuch zeichnet Ernest Shackletons Antarktisreise nach. Doch wo bleibt der Aufbruch ins Unbekannte?

          Shackleton? Es ist noch gar nicht lange her, da war der Polarforscher und Abenteurer Ernest Shackleton bestenfalls einigen Eisspezialisten bekannt. Zweimal war er zum Südpol aufgebrochen, einmal wollte er die Antarktis durchqueren und einmal sie mit dem Schiff umrunden - doch jede seiner Expeditionen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts misslang.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Nie erreichte er sein Ziel, einmal verlor er sogar sein Schiff, die „Endurance“, samt dem Großteil der Ausrüstung. Allerdings kam bei seinen abenteuerlichen Unternehmungen nie auch nur ein Mensch zu Schaden. Und man könnte glauben, dass Shackleton überhaupt erst im Moment der Krise über sich hinauswuchs. Er war kein kühler Stratege wie Amundsen. Und er war kein romantisch veranlagter Draufgänger und Egozentriker wie Scott. Was ihn zum Helden taugen ließ, war der übermenschlich zu nennende Einsatz, mit dem es ihm jedes Mal gelang, noch in den ausweglosesten Situationen das Leben der gesamten Mannschaft zu retten. Es paaren sich bei ihm Ruhe und Flexibilität mit einem „nimmermüden Optimismus sowie dem Geschick, diese Zuversicht an andere weiterzugeben“, attestierte ihm Frank Wild, der stellvertretende Kommandant der „Endurance“. Und er gab schon mal bei Eiseskälte seine Handschuhe an einen Matrosen ab. „Lieber ein lebendiger Esel als ein toter Löwe“, wurde ihm als Bonmot in den Mund gelegt. Die Geschichte seiner „Endurance-Expedition“ erreichte dabei geradezu mythische Dimensionen. Sie ist womöglich die größte Heldensage des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Führer in eine neue Epoche

          Dass sie zunächst vergessen ging, hatte einen einfachen Grund: Shackleton kehrte 1916 zurück, inmitten der Wirren des Ersten Weltkriegs, und die Menschen hatten andere Sorgen, als sich den Frostbeulen einer kleinen Gruppe von Eisverrückten anzunehmen und deren Erzählungen ihres Überlebenskampfes zu lauschen. Und auch die Wiederentdeckung lässt sich erklären: Ende der neunziger Jahre tauchten die verschollen geglaubten Glasnegative des Expeditionsfotografen Frank Hurley auf. Er hatte sie über alle Widrigkeiten der Flucht aus dem Eis und dem qualvollen Überwintern am Kiesstrand von Elephant Island retten können, an dem die Mannschaft monatelang in der antarktischen Kälte und Finsternis unter einem umgedrehten Rettungsboot hauste. Es sind sensationelle Bilder. Die Welt am Umbruch ins neue Jahrtausend hatte augenblicklich ihre Ikonenhaftigkeit erkannt: Sie wurden zu Symbolbildern für den Epochenwechsel. Nie lagen Aufbruch und Nullpunkt, Sehnsucht, Hoffnung und ein buchstäblich ballastfreier Neubeginn dichter beieinander als in dieser Kulisse des blanken Nichts.

          Vor allem die Fotos des Schiffs, der „Endurance“, die im Januar 1915, dem antarktischen Sommer, im Packeis des Wedellmeers stecken geblieben war und nicht wieder freikam, wurden tausendfach veröffentlicht. Darunter ein Bild wie aus dem Geiste Caspar David Friedrichs, dessen Gemälde der „Gescheiterten Hoffnung“ gleichsam als Wasserzeichen durch die Schwarzweißfotografie schimmert. Aber es erzählte eben nicht nur vom Scheitern, sondern zugleich von einem Sieg. Und in dessen Fahrwasser sollte Ernest Shackleton gleichsam zum Führer in die neue Epoche werden. Es dauerte nicht lange, da nannte die Liste der Buchgroßhändler mehr als siebzig Bücher, die Shackletons Namen im Titel trugen. Biographien, Abenteuerbücher, Historienromane - sogar Ratgeber wie „Shackletons Führungskunst“, die einem neuen Wirtschaftszweig in deren neuem unbekannten Raum helfen sollte, sich zurechtzufinden: im Cyberspace.

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