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Bilderbuch „Die Sauerdropse“ : Grundlose Bosheit ist ein ganz hervorragendes Sujet

Bild: Mixtvision

Giftzwerge, verwirrte Greise oder arme Seelen? In ihrem virtuosen Bilderbuch „Die Sauerdropse“ geben Jaap Robben und Benjamin Leroy lauter Rätsel auf.

          „Habem Fie keime bebrauchten Bepiffe?“ Diese Frage hat dem abgebrühten Zahnarzt Doktor Stibitzke noch nie jemand gestellt. Widerwillig fischt er zwei uralte gebrauchte Holzgebisse aus dem Praxismüll. Die gibt es für die Brüder Harry und Hubert umsonst - wer außer ihnen wollte wohl freiwillig etwas derart Ekliges in den Mund nehmen?

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doktor Stibitzke mag glauben, er habe mit dem Besuch der betagten Zwillingsbrüder die größte Zumutung erlebt. Er hat keine Ahnung. Harry und Hubert Sauerdrops sind ekliger und biestiger, geiziger und verschrobener, als man es für möglich halten könnte. Sie saugen Staub auf dem Bürgersteig und beschweren sich im Rathaus, wenn ein Schmetterling entgegen der Fahrtrichtung durch die Selleriestraße fliegt. Sie trinken morgens Salzgurkensaft und legen abends, weit vor Sonnenuntergang, ihre Holzgebisse in Gläser voller Essig. Den Fußballjungs aus der Straße piksen sie die Bälle kaputt, wenn sie über den Zaun ihres mit Steinplatten zugepflasterten Gartens fliegen. Warum? Sie wissen es selbst nicht.

          Darauf muss man erst einmal kommen

          „Wenn ein Geheimnis sich verirrt, weiß man nie, bei wem es landet“, heißt es in „Die Sauerdropse“. Insofern hat das Geheimnis der Brüder Glück gehabt: Es ist bei dem Autor Jaap Robben und dem Illustrator Benjamin Leroy gelandet. Ganz aufgedeckt ist es auch am Ende dieser skurrilen Geschichte nicht, in der ein bunter Brief in zwei graue Leben plumpst. Aber, und das ist ein Glück in diesem wilden, unterhaltsamen und traurigen Buch, die Leser, ob sie ganz jung oder schon etwas älter sind, dürfen und müssen sich vieles selbst ausmalen. Weniger zwischen den klaren Zeilen von Robben als in den Bildern von Leroy ist Raum dafür. Bisweilen stehen die aquarellierten Zeichnungen, Collagen und Montagen für Teile des Texts, dann wieder illustrieren sie Leerstellen und eröffnen wiederum neue. Bisweilen erzeugen Text, Typographie und Bilder einen reizvoll dissonanten Mehrklang. Wer öfter hinschaut, wird mit jedem Mal neue Details der Geschichte finden und erfinden, die schon im Vorsatzpapier stecken und bis weit hinter das Ende reichen. Genau in der Mitte des Buchs erscheint, mit einem Teil des Geheimnisses, ein Buch im Buch, das mit seinen vergilbten Seiten und blassen Fotografien selbst ein kleines Kunstwerk für sich ist.

          Auf die Idee, zwei traumatisierte Greise zu den Hauptfiguren eines Kinderbuchs zu machen, muss man erst einmal kommen. Von ihnen so zu erzählen, wie es Robben und Leroy tun, eröffnet Möglichkeiten, die konventionelleren Kinderbüchern verschlossen sind. Ihre Einfälle gehen oft noch über die kindliche Lust an Ekel und Grusel hinaus. Das ist nicht nur komisch, sondern motiviert erst recht, nach dem Geheimnis der Brüder mit dem verheißungsvollen Nachnamen zu fragen. Es liegt in einer tieftraurigen Kindheit, in der sich, beinahe, eine Kriminalgeschichte verbirgt. Und obwohl es plötzlich so turbulent zugeht im Leben der Sauerdropse, ziehen die beiden Autoren die Leser nur langsam ins Vertrauen: Aus den Giftzwergen werden zwei arme Seelen. Sie bleiben es auch. Und das ist nicht die geringste Stärke dieses ungewöhnlichen Kinderbuchs.

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