In diesem Buch ist ein Loch. Nicht, wie Sie sich das jetzt vorstellen, so ganz mittendurch, sondern ein Loch, für das eher die Bezeichnung „Krater“ passen würde. Es tut mir leid, aber wir müssen jetzt ein wenig technisch werden. Ein Krater ist eine konische Vertiefung, die aber einen Boden hat. Es handelt sich also um ein recht spezielles Loch.Vergessen wir das wieder, obwohl die Rede von einem speziellen Loch bereits die richtige Fährte legt. Betrachten wir lieber das Buch. Es heißt „Die Geschichte vom kleinen Loch“ und stammt von der französischen Kinderbuchzeichnerin Isabel Pin.
Die Dreiunddreißigjährige ist kein unbeschriebenes Blatt auf deutschen Lesetischen; ihr Bilderbuch „Ein Regentag im Zoo“ hat wohl so manchen Regentag im Kinderzimmer überbrücken helfen.Nun also zeichnet sie uns ein Loch, denn wir wollen der Einfachheit halber einmal bei dieser Bezeichnung bleiben, um nicht schlauer wirken zu wollen als die kluge Autorin und der zuverlässige Verlag. Ein Loch zu zeichnen ist einfach: Ein Kreis gemalt, schwarz ausgefüllt, und schon ist es fertig. Doch so sieht Isabel Pins Loch nicht aus. Es ist ein wirkliches Loch, also eines, das ins Buch hineingeht, schon vom Titelbild an. Mitten auf diesem Titelbild öffnet es sich, und es wird durch die dicken Kartonseiten hindurch immer schmaler (konisch eben), ehe es auf der letzten Seite seinen Boden findet, auf dem allerdings ein kleiner dunkler Kreis gemalt ist.
Was für schöne Bilder Isabel Pin findet!
Ein zweites Loch? Das führt schon wieder in die korrekte Richtung. Aber was soll dann das Ganze, nämlich erst einmal ein Loch ins Buch stanzen zu lassen, wenn man doch zum Schluss nur wieder eines zeichnet? Nun, das ergibt durchaus einen Sinn. Denn Isabel Pins Buch erzählt ja nicht die Geschichte eines Eislochs oder eines Abflusslochs oder eines Schlüssellochs oder eines Erdlochs oder eines Vulkankraters (ja, das Wort kennt sie durchaus), sondern die des kleinen Lochs. Und das kleine Loch ist jenes, das sich am Boden des Lochs im Buch findet.
Genug verraten, sonst macht es keinen Spaß mehr, die letzte Seite aufzublättern. Vorher aber muss man sich mit all den genannten Löchern (und noch einigen zusätzlichen) beschäftigen, deren Geschichten eben nicht erzählt werden. Dadurch werden sie natürlich doch erzählt, und was für schöne Bilder Isabel Pin dafür jeweils findet, das mag der Blick aufs Käseloch verdeutlichen. Andere Zeichnungen sind strenger, manche auch gewagter, so etwa beim Abflussloch, wo zwei Quietscheentchen ganz am Rand der Seite (nicht des Lochs!) zu sehen sind, die Isabel Pin derart angeschnitten hat, als wollte sie eine besonders exzentrische Bildkomposition erzielen. Es ist geglückt.
Wie das ganze Werk. Auch wenn das Rätsel gelöst ist, wird man gern wieder hineinblättern in dieses Buch mit dem Krater. Seine verschiedenen Schichten lassen schon von Beginn an erkennen, wie bunt es im Laufe des Blätterns zugehen wird. So dass wir alle noch neugieriger werden, als uns die Aussicht auf Einblicke in geheimnisvolle Löcher generell schon gemacht hat.