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Bestseller : Würdest du mich bitte endlich beißen, Edward?

Am Anfang war ein Traum: die Bestseller-Autorin Stephenie Meyer, Jahrgang 1973 Bild: privat

Berühmt wurde die junge Amerikanerin Stephenie Meyer gleich mit ihrem ersten Roman. Jetzt steht die Fortsetzung ihrer Saga um einen schönen Vampir und eine Sterbliche an der Spitze der Bestsellerliste. Schon hoffen manche auf einen neuen Harry Potter.

          Ein Traum, so scheint es, hat die amerikanische Autorin Stephenie Meyer geradezu unverschämt reich gemacht, als sie nämlich, wie sie gern erzählt, eines Nachts einen hinreißend schönen Vampir und ein Mädchen vor sich sah, die sich auf den ersten Blick ineinander verlieben. Nur dass die beiden dann im Mondschein auch sofort das Problem diskutieren, das eine solche Liebe mit sich bringt: Meint er wirklich mich oder nur mein Blut?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das war am 2. Juni 2003, und weil die fleißige Stephenie Meyer ihren Traum transkribierte, zur Keimzelle und wörtlich zum dreizehnten Kapitel ihres Romans „Biss zum Morgengrauen“ machte und gleich den nächsten Band „Biss zur Mittagsstunde“ hinterherschrieb, findet sich letzterer jetzt ganz oben auf der „Focus“-Bestsellerliste wieder - vor Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, dem Abonnementsspitzenreiter.

          Was der Serie zum Potter-Platzhalter noch fehlt

          Dass ein Jugendbuch diesen Platz einnimmt, ist selten; dass es in knapp zwei Wochen mehr als fünfzigtausend Exemplare verkauft, auch. Nicht einmal der zweite „Harry Potter“ war seinerzeit so schnell so erfolgreich. Und da es mit dem Zauberlehrling nun bald sein verdientes Ende haben wird, weckt Stephenie Meyers ebenso auf Fortsetzungen angelegte Vampirromanze in der Branche Hoffnung auf einen akzeptablen Nachfolger an der Ladenkasse. Zumal sich auch um ihre Bücher eine gewaltige Fangemeinde im Internet geschart hat, die Wendungen der Handlung diskutiert, Apokryphen tauscht und die Erwartung auf die nächsten Teile gemeinschaftlich anheizt.

          Bella hält den Hals hin: Umschlag der deutschen Übersetzung

          Allerdings fehlt der „Biss“-Serie für den ersehnten Potter-Platzhalter doch einiges - zuallererst die Fähigkeit zum Brückenschlag zwischen den Lesern verschiedener Altersstufen. Die Geschichte um den marmorweißen siebzehnjährigen Vampir Edward und das Mädchen Bella, die in einer amerikanischen Kleinstadt aufeinandertreffen und gegen unzählige Hindernisse auch zusammenbleiben (so der Stand nach dem zweiten Band, der dritte erscheint demnächst, am vierten schreibt Meyer gerade), scheint dezidiert auf weibliche Leser um die vierzehn zugeschnitten. Die Romane leben jedenfalls vom Gegensatz zwischen der geradezu bedrückend normalen Bella und ihrem ganz außerordentlichen Galan; warum der gerade sie erwählte, bleibt lange unklar. Bellas einzige herausragende Eigenschaft ist allerdings die Stetigkeit bis zur Verbohrtheit, und so seufzt sie immer wieder, wie wenig ihr doch das Leben ohne Edward bedeute, wie gern sie für ihn stürbe, und das im Wortsinn: Er möge sie doch endlich beißen und zum Vampir machen, quengelt sie gern. Manchmal wünscht man sich, er täte es endlich.

          Anständig integrierte Ethnie mit Migrationshintergrund

          Natürlich sind die eher schlichte Sprache, die überschaubare Bandbreite der Charaktere und die Regelmäßigkeit, mit der stereotype Beschreibungen wiederholt werden, kein Hindernis, wenn es um die Ausbreitung einer Geschichte über den Globus geht. Wie sehr sich die Lesarten unterscheiden, zeigt ein Blick auf die Buchumschläge, die mal die Liebenden (England), mal Bella und ihren verlockenden Hals (Deutschland), mal die mit den Vampiren in fragilem Gleichgewicht lebenden Werwölfe (Tschechien) zeigen.

          Ihren Reiz beziehen Meyers Romane aber durch die Spannung, die Edwards Sippe von geradezu kuschelig sanften Vampiren durchzieht - dem Blutsaugen haben sie schon lange abgeschworen, nur deshalb werden sie von den Werwölfen der Gegend geduldet; und wie jede anständig integrierte Ethnie mit Migrationshintergrund fürchten sie nichts so sehr wie die rüpelhaft gebliebenen Verwandten, marodierende Vampire also, die den alten Ernährungsgewohnheiten treu geblieben sind. Zwar ist die Idee von den guten, domestizierten, am besten selbstdomestizierten Vampiren nicht neu, und das Bemühen um eine friedliche Koexistenz zwischen Jäger und Beute ist der Autorin deutlich anzumerken. Auch sonst vermittelt die erklärte Mormonin Meyer das Bild von einer angeschlagenen Welt, die schon irgendwie über die Runden kommen wird: Um Bella und Edward braucht einem dabei nicht allzu bange zu sein, ist er fern, wacht er doch über sie, erfahren wir gleich zu Beginn des zweiten Bandes, und dieses Bewusstsein mag der eine als tröstlich, der andere Leser als ausgesprochen langweilig empfinden, zumal bei einem Buch, das durchaus auf Thrillerelemente setzt.

          Ein seelenloses Monster wie der selbstlose Galan

          Dennoch zeigt der unstrittige Erfolg der „Biss“-Serie (Fantasy scheint es derzeit überhaupt nur noch als Serie zu geben), dass sich auf dem ausgesprochen konservativen Markt für Kinder- und Jugendliteratur etwas bewegt: Denn wo vor noch nicht allzu langer Zeit das, was erst mal auf die Bestsellerlisten gekommen war, lange dort verharrte, und wo noch heute alte Bekannte von der kleinen Raupe Nimmersatt über Pippi Langstrumpf bis zum kleinen Prinz begegnen, dort haben nun ohne großes Marketing immer häufiger Titel Einzug gehalten, deren Erfolg niemand prophezeit hätte.

          Auch Edward würde keinen roten Heller auf den Erfolg seiner Mission setzen: So unternimmt er alles, um Bella eine Existenz als seinesgleichen zu ersparen, als seelenloses Monster, wie er denkt. Dass er sich dabei ständig Lügen straft, edel wie er ist, ist rührend. Und ein bisschen albern.

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